Ein Hauch von Paradies weht durch die ersten Seiten dieses Romans. Christian ist der Sohn eines Bauern, der mit dem Charme eines Lebemannes gesegnet ist. Er wird auf eine Schule außerhalb der dörflichen Idylle geschickt (ja, trotz der elenden Arbeit ist es hier friedlich, und man ist fernab jeglicher Sorgen, abgesehen vom Arbeitsalltag), und auch hier ist er einer der Besten und von einer Schar Freunden umgeben. Als der Vater stirbt, ist es mit der Karriere zu Ende. Er kehrt – freiwillig – zurück auf den Hof. Das Erbe wird gerecht verteilt. Die beiden älteren Brüder bekommen den Hof, Christian und seine Schwester teilen sich die Barschaft. Er baut sich etwas Eigenes auf. Was fehlt in diesem Bild? Eine Frau. Da hat es Christian noch nicht geschafft zu punkten. Bis, … ja bis … Martha in sein Leben tritt. Sie streift ihn. Er streift sie. Und im Handumdrehen sind sie Mann und Frau. So schnell geht das hier, im Norden Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch wenn er vor ihr gewarnt wurde. Sie bekommen zwei Söhne. Auch die geraten recht wohl. Als Nachzüglerin kommt Anna zur Welt. Ein Sonnenschein. Jeder liebt sie. Aber sie wird im Gegensatz zu ihren Brüdern nicht von Emma gesäugt, sondern von ihrer Mutter. Emma lebt hier auf dem Hof und ist immer zur Stelle, wenn sie gebraucht wird. Auch sie hat einen Sohn, Fritz. Das Resultat einer – für den Erzeuger – unrühmlichen Tat. Fritz’ Vater ist ein Rohling übelster Sorte. Einmal werden sich Erzeuger und Sohn sehen. Es nimmt kein gutes Ende.
Die Jahre vergehen. Der Hof wirft gute Gewinne ab. Die Arbeit ist hart. Doch die Gemeinschaft ist härter. An ihrem vierten Geburtstag geschieht das Unerwartete. Anna ist verschwunden. Die Suche ist endlos. Sie dauert. Sie dauert ein Jahr. Schon jetzt wird klar, warum die Autorin Rahel Sanzara so viel Zeit auf die detailgetreue Wiedergabe der Entwicklung der Handelnden legt. Sie sind Rekonstruktionen des bisherigen Lebens der Bewohner. Wie ein Profiler skizziert sie die Charaktere und Lebenswege jedes Einzelnen.
Die Suche ist schlussendlich erfolgreich- Erfolgreich im Sinne, dass das Gesuchte auch gefunden wird. Anna ist schlimmst zugerichtet. Kaum wieder zu erkennen. Hier ist ein kleines Mädchen, unschuldig, naiv im besten Sinne des Wortes, geliebt auf unmenschliche Art und Weise um ihre Zukunft gebracht worden. Und die Welt um sie herum ist ein Scherbenhaufen.
Und das ist alles tatsächlich einmal so passiert. Es gibt Ermittlungsakten, Gerichtsprotokolle, harte Fakten. Und die anschließend – das Buch ist 1926 erschienen – eine beispiellose Hetzjagd auf die Autorin. Plagiatsvorwürfe in Serie. Sie selbst äußert sich nur sporadisch und mit klaren Worten. Sie hat die Namen beibehalten, um sich nicht mit fremden Federn zu schmücken. Befreundete Kollegen ihrer Zeit standen ihr zur Seite oder aber griffen sie unerbittlich an. Mit der Machtergreifung der Nazis wurde ihr Werk verboten – den mühseligen Prozess des Ariernachweises wollte sie nicht nachgehen. Rahel Sanzara, Theresa Charlotte Johanna Blaschke mit eigentlichem Namen, starb einen Tag vor ihrem 42. Geburtstag an Krebs. Was die Nazis in Gang gesetzt hatten, endet erst mit der Neuauflage ihres ersten Buches, „Das verlorene Kind“. Nun wird es wieder gelesen. Es kann seine ganze Kraft entfalten und der deutschen Sprache nicht nur ein verlorenes Puzzlestück zurückgeben, sondern ihr ein stilvolles Denkmal setzen. Die umfassenden Anhänge inklusive Rezensionen aus der Zeit der Erstveröffentlichung, die Diskussionen um ein mögliches Plagiat, die ausführliche Dokumentation ihres Lebens und Wirkens sind mehr als nur die Kirschen auf dieser prachtvollen Literatur-Torte.









