Maestro Muti

Riccardo Muti gehört zweifelsohne zu den Dirigenten, deren Aufführungen man besucht, um dem Maestro bei der Arbeit zuzuschauen. Da die Kartenkontingente schnell ausverkauft sind, muss es zwangsläufig heißen: „ihm bei der Arbeit zuschauen zu DÜRFEN“. Kirsten Liese hat ihn jahrelang begleitet, seiner Arbeit gelauscht, ihn interviewt, mit Musikern gesprochen, Kollegen zu ihm befragt.

„Maestro Muti“ ist der einzig geltende Titel für ein Lebenswerk, das so umfangreich ist, für seine Herzenswärme, die ihresgleichen sucht und für die Konsequenz klassischer Musik eine Bühne zu bieten, die seit einigen Jahren effekthascherisch und verbiegend Opium fürs Volk ist.

Dieses Buch ist nicht die ultimative Biographie über den Napolitaner, der die Welt eroberte. Es ist die ultimative Begleitung zu einer Biographie, die noch nicht geschrieben wurde. Am 28. Juli 2026 wurde Riccardo Muti 85 Jahre alt. Die Mailänder Scala, die Wiener Philharmoniker, Orchester in London, Philadelphia, Chicago und Florenz waren und sind ohne seine Anwesenheit, seine Impulse sicherlich denkbar, aber um einige gefeierte Höhepunkte ärmer. Verdi und Mozart würden sich vor ihm verneigen, um ihm mit demütiger Geste zu signalisieren, dass sie in ihrem Schaffen sich ihre Werke genauso vorgestellt hatten. Das wird einmal das Vermächtnis des Riccardo Muti sein. Ein Klassiker unter den Klassikern der Klassischen Musik.

In diesem Buch sprechen, nein, es schwelgen unter anderem Diana Damrau, Edda Moser und Mark Stevenson. Sie alle sind Weltstars, ihnen werden Bühnen und Brücken gebaut, um ihrer Kunst Einzigartigkeit zu verleihen. Doch auch sie sind immer noch beseelt vom ersten Treffen mit dem Maestro, von Proben vor großen Aufführungen und von der Erhabenheit mit ihm Premieren zu spielen und Vorstellungen zu geben.

Doch nicht nur die großen Orchester dieser Welt, die klangvollen Konzerthäuser sind Mutis Zuhause. Mit seinem Orchestra Giovanile Luigi Cherubini und der italienischen Opernakademie bietet er dem Nachwuchs die Möglichkeit wachsen zu können. Er überwand mit Konzerten Grenzen, wo starre Mauern die Köpfe vieler Menschen verrammelten.

Doch Muti war und ist immer auch streitbar. 2024 weigert sich Muti eine Passage aus Verdis „Un ballo in maschera“ zu streichen, weil sie eine Passage enthält, die immer wieder (immer noch?!) als rassistisch gegenüber Napolitanern angesehen wird. Nun ist Muti selbst in der Stadt am Vesuv geboren. Und Verdi Rassismus vorzuwerfen, entbehrt nur wirklich jeder Grundlage. Also lässt er sie (bewusst9 im Stück. Entwaffnet aber die in den Startlöchern schon hechelnden Kritiker mit der Macht der Musik.

Klassische Musik ist vielleicht nicht Jedermanns Sache. Das leben Riccardo Mutis ist auf jeden Fall Lesenswert, und die Meinungen und Erinnerungen seiner Kollegen sind ein wahres Fest.

Der Eklat

Wann gab es eigentlich den letzten RICHTIGEN Medienskandal? 1971?, als Ton Steine Scherben Manager Niki Pallat im Sitzen (!) mit einem Beil den Tisch der Sendung „Ende offen“ zerhackte – das Beil hatte er schon in der Tasche. Klaus Kinski war zeitlebens ein Garant für Skandale, vor und hinter der Kamera. Und Rosa von Praunheims Outing von Hape Kerkeling und Alfred Biolek wirkt heute wie das trotzige Verhalten eines missachteten Kindes. Die Nachwirkungen sind bis heute spürbar und wahrlich verheerende Konsequenzen sind im Rückblick nur noch eine Randnotiz.

Jascha Wrobel ist ein erfolgreicher Autor. Seine Meinungen zu sämtlichen Themen des gesellschaftlichen Zusammenlebens tut er lautstark und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen kund. Er hat immer ein Beil in der Tasche… Und wer ihn interviewt, wartet regelrecht auf einen Skandal… Und Wrobel hat immer etwas zusagen, was den einen oder anderen vor den Kopf stößt.

Die Journalistin Jasmina Lorentz fühlt sich generell von Wrobel vor den Kopf gestoßen. Ihr sind seine Thesen zu gewagt, nazistisch, frauenfeindlich, also genau das, was ein „normales“ geslleschaftliches Zusammenleben unmöglich macht. Sie sitzt nun aber nicht herum und wartet passiv auf die nächste Konfrontation, nein, sie agiert. Schließlich sieht sie sich im Recht. In einem Artikel greift sie einmal mehr Wrobel an. Geht dabei einen Schritt zu weit als sie seine türkischstämmige Frau ins Spiel bringt und versucht sie zu manipulieren. Das alles gipfelt in einer TV-Talkshow und einem Skandal, einem Eklat. Wrobel liegt jetzt im Krankenhaus. Das muss ein fest für alle Zuschauer gewesen sein, die es (was auch immer das sein mag) schon immer wussten. Die gegen „die da oben“ waren sind und immer sein werden. Diejenigen, die nach der starken Hand rufen, und dabei nicht kapieren (wollen, können), dass sie die ersten Verlierer sein werden, wenn die starke Hand auch wirklich stark wird. Jahrelanger Geschichtsunterricht, Terrabytegroße Archive mit Filmmaterial sind in deren Augen nur manipuliertes Material, was die Menschen schon vergiftet hat – die Möglichkeiten sich gezielt zu informieren sind schier unendlich und trotzdem werden sie von einem nicht unbedeutenden Teile abgelehnt.

Nun gehören weder Wrobel von Lorentzen zu dieser Gruppe Menschen. Im Gegenteil: Beide verstehen Medien und ihre Macht auszunutzen. Mal besser, mal weniger gut. Als Außenstehender, als Konsument, als Angesprochener möchte man sich gern auf die Seite von Lorentzen oder Wrobel stellen. Doch ihre Argumentationen sind nicht linear. Punkt für Lorentzen, Punkt für Wrobel. Es gilt scheinbar nur nech das Gleichgewicht zu wahren.

In „Eklat“ wir der Eklat vor laufender Kamera ohne die Protagonisten aufgedröselt. Archivaufnahmen werden abgespielt und Beobachter teilen sich fundiert ihre jeweiligen Meinungen mit. Das Medium schlägt zurück. Erst war es die Bühne (für Wrobel und Lorentzen), nun wird es zur Schlachtbank und mediativ. Und der Zuschauer? Bekommt noch eine Meinung und noch eine Meinung um die Ohren gehauen. In jedem wie auch immer gearteten Actionfilm gibt es einen Gewinner. Beim 100-Meter-Lauf gewinnt auch immer einer. In „Eklat“ wird die Medaillenvergabe fast unmöglich. Dennis Kornblum zitiert Eins zu Eins aus dem Nachfolgegespräch, das neun Wochen nach dem Eklat standfand. Es ist eine typische Sprache, die man in Talkshows allzu oft hören muss. Bloß nicht festlegen lassen. Abwägen, kühl und distanziert bleiben und zumindest wirken. Kornblum lässt aber auch ein bisschen die Luft aus dem Medienzirkus, kreiert Hauptfiguren, die eindeutig klare Züge von mehreren echten Strippenziehern tragen. Sie einem einzigen zuzuordnen kann eine spannende Aufgabe sein. Lässt aber dann mindestens genauso viele streitbare gegebner auf den Tagesplan treten. So entstehen Eklats…

Straßenköter

Wenn man sich in Marlons Charakter eingelesen hat, ist man erstaunt, dass der Anfang der Geschichte so reibungslos verlief. Er wartet im Wagen – so wie man ihm es gesagt hatte. Zur verabredeten Zeit steht er dort, wo er stehen soll – so wie man es ihm gesagt hat. Okay, das Wegfahren war ein wenig hektischer als … man ihm gesagt hat. Aber im Großen und Ganzen lief alles so wie man es ihm gesagt hat. Selbst er kann s kaum glauben, dass alles so verlief …

Kurze Planänderung. Die Beute wird erst in drei Wochen aufgeteilt. Beute? Ja, Marlon war Fahrer beim einem Banküberfall. In Hamburg. 1975. Zu einer Zeit, in der gern mal Autos „einfach so“ (was natürlich nicht stimmt, selbst 1975 konnte die Polizei nicht „einfach mal so“ anhalten und durchsuchen) durchsuchte. RAF, Terror – insgesamt unsichere Zeiten, im Vergleich zu den Jahren zuvor. Ok, Beute erst in drei Wochen. Gary hielt das für besser. Er konnte sich lebhaft vorstellen wie seien Mitstreiter sofort nach Auszahlung losgehen und die Kohle gnadenlos auf den Kopf hauen. Das ruft nicht nur Neider auf den Plan, sondern auch die Polizei. Drei Wochen warten – erstmal knacken, zuhause, drei Wochen irgendwie rumbringen. Bis hierhin läuft alles so wie man es ihm gesagt hat.

Als Marlon um die letzte Ecke biegt, den ersehnten Schlaf schon fast  greifen kann, läuft nichts mehr so wie man es ihm sagte und schon gar nicht wie er es sich erträumte. Denn da stehen Typen – zweimal so große wie er, dreimal so breit und x-mal entschlossener als er jemals sein wird. Er schafft es gerade noch zwei Fotos seiner Oma und eine Erinnerung an seinen Vater an sich zu reißen. Doch wo soll er hin? Sein Kumpel wurde krankenhausreif geschlagen. Dessen Freundin, die Marlon eh nie leiden konnte (was auf Gegenseitigkeit beruhte) sieht auch nicht besser aus. Und auf den Titelseiten der Zeitungen prangen die Visagen der vier Bankräuber, inklusive dem von Marlon. Bloß gut, dass Marlon ein steter Rumtreiber war. Er kennt Hinz und Kunz und die kennen ihn. Doch so gut ist das auch wieder nicht. Denn es in unruhigen Zeiten ist sich jeder selbst der Nächste. Besonders, wenn der Gesuchte von einer Horde Krimineller und den Behörden gesucht (später sogar von denjenigen, denen das ganze Land die unruhige Zeit zu einem großen Teil zu verdanken hat) sowie von seiner eigenen Vergangenheit verfolgt wird.

Jürgen Heimbach schreibt nicht einfach nur einen Krimi. „Straßenköter“ ist eine Zeitreise in einer Raumkapsel, an der so manche Erinnerung schon abzuprallen droht. Er holt Geschichte zurück ins Bücherregal, ohne die Klischees von Manifesten, Verschwörungstheorien und abartigem Terror noch einmal bildhaft zu wiederholen. Die Jagd auf die RAF hatte zahlreiche Auswirkungen. Im Großen sowieso, aber erst recht im Kleinen. Im Strom mitschwimme – so wie Marlon es immer machte – ist nicht mehr drin. Große Veränderungen schwappen überall drüber und rein, wo man es nicht vermutet. Selbst Herumtreiber, Tagediebe und ja, auch Straßenköter müssen sich der neuen Zeit anpassen…

Marschieren nicht träumen

Eine Freundschaft wie ein Paukenschlag, und dabei begann sie mit einem Peitschenhieb. Als der junge Emil Belzner Major Ritchard, damals noch nicht Major a.D., die Säbel wiederbrachte, die sein Vater geschliffen hatte. Es fehlte einer, da gab’s was mit der Peitsche. Das ist lange her. Emil war dreizehn, der Major fast zwanzig Jahre älter. Und es herrschte Krieg, Stellungskrieg, Grabenkämpfe. Der Altersunterschied ist geblieben.

Jahre später laufen sie sich wieder über den Weg. Der Major hat inzwischen Zizzi geheiratet – und in deren Familienbetrieb eingeheiratet. Zizzi und Emil, das war auch was ganz Besonderes. Noch vor dem Major. Aber zu etwas Beständigem hatte es nie gereicht.

Es entspinnt sich eine rege Konversationsfreundschaft. Der Major, inzwischen a.D., will so gern seine Memoiren niederschreiben. Schließlich gehört sich das so, als Major a.D. Und Emil ist Journalist und immer noch ein wenig verstockt, wenn es um den Major geht. Letzter erinnert sich noch genau ihr erstes Aufeinandertreffen. Das erstaunt Emil. Und so lässt er den Dingen ihren Lauf.

Je mehr Ritchard erzählt desto vertrauter werden er und Emil Belzner. Doch Emil ist nicht einfach nur interessierter Zuhörer. Er weiß den Großteil der Gedanken richtig einzuschätzen. Manchmal wird es sogar richtig handgreiflich. Auch das stellt für Emil kein Problem dar. Denn hier sitzt ihm ein Mensch gegenüber, der mit sich noch lange nicht im Reinen ist. Krieg ist nicht mit einem Friedensvertrag beendet. Schon gar nicht als Deutscher, der im Ersten Weltkrieg diente, und danach die Schmach von Versailles erdulden muss.

Im Kopf des Majors rumort es heftig. Mittlerweile ist er Witwer, Zizzi erlag einer Lungenentzündung. Doch auch der folgende Ortswechsel – und der war nötig, denn Zizzis Familie und der Major sind sich spinnefeind – bringt keine Erlösung. Intellektuell sind sich Major und Journalist nähergekommen. Menschliche trenne sie immer noch Welten. Gehorsam auf der einen, Freidenken auf der anderen Seite. Drill und bedingungslose Disziplin hier, Autoritätszweifel da.

Emil Belzner war Chefredakteur der Rhein-Neckar-Zeitung und gesamtdeutscher Heinrich-Heine-Preisträger. „Marschieren nicht träumen“ lebt bis heute von der schonungslosen Darstellung davon, was blinder Gehorsam mit dem Menschen machen kann. Nicht jeder, der im Krieg diente, kehrt ohne Blessuren zurück. Wer Schrammen davon trägt, trägt sie manchmal wie Trophäen vor sich her. Andere lassen ihren Frust an Untergebenen aus, nimmt sich Dinge heraus, die Gratwanderungen zum Parforceritt machen. Dieses Buch gehört in eine Reihe mit „Im Westen nichts Neues“ und „Die rote Tapferkeitsmedaille“ zusammen mit Victor Klemperers „LTI“ bilden sie eine Speerspitze gegen Gedankengut, das nichts aus der Vergangenheit gelernt hat. Die erschreckenden Parallelen zur Gegenwart sind das Salz in der Suppe jener, die sich nicht vom Lametta der falschen Wegweiser verleiten lassen.

oh! Venedig

Oh wie „oh no, und ich dachte, dass ich Venedig kenne!“ – oh wie „oh, das habe ich wohl verpasst!“ – oh, wie schade, dass es noch so verdammt lange dauert bis ich endlich wieder dort bin!“. Da hält man wohl ein Hilfebuch in den Händen, das Reisefieber hebt und einen in Sicherheit wiegt, dass der nächste Besuch garantiert ein Volltreffer wird.

Und das trotz des Verhältnisses 280.000 zu 15.000.000. Das bedeutet 280.000 Einwohner und 15 Millionen Besucher jährlich. Da muss man fliehen, und zwar dorthin, wo man nicht zwischen Handysticks und „Folge-Mir-Wimpeln“ hindurchluken muss, um mal was Schönes zu sehen. Und einem nicht permanent auf den Kopf gek… wird, von den Tauben, versteht sich! Bei diesem Verhältnis – Eins zu fast 54 – kann man sich der Masse anschließen, überteuerte Souvenirs mad(e) in China erwerben, an jeder Ecke mit gebühren ins Jammertal der Finanzen gestoßen werden, und sich somit so manches Erlebnis gehörig zu ruinieren. Oder man wirft einen ersten scheuen Blick in dieses Buch, lässt sich verleiten (dieses Mal zu 100% gerechtfertigt) und gönnt sich Schritt für Schritt ein Aha!-Erlebnis, das in einem nicht enden wollenden „Oh Venedig“ endet. Die Wahl ist keine wirkliche Wahl. Es ist eine emotionale Vernunftentscheidung. Basta!

Man muss ja nicht gleich die ganze Stadt verteufeln und das Weite suchen. Zum Beispiel auf einem Boot durch die Lagune schippern. Doch wenn, dann auf einem Boot mit Geschichte. Eines, auf dem schon Prominente vor den Massen flohen. Das wieder entdeckt wurde. Und originalgetreu wiederhergestellt wurde. Das wäre doch was! Doch welcher Promi soll es sein?! Wie wäre es mit der Callas – oberste Promischublade. Die traf sich mit Pasolini auf seinem Boot. Und mit dem kann man heute wieder durch die Lagune schippern. Das ist das ein oh-Erlebnis, oder?!

Wer dem Massentrubel doch nicht ganz abgeneigt ist, kann entlang des Zickzackwanderns so manches Kleinod entdecken. Und wer den Gondoliere auf die Füße geschaut hat, entdeckt – wenn er dem manchmal falschen Singsang eine gewisse Routine abgerungen hat – eine einzigartige Fußbekleidung. „Furlane“ nennen sich die bequemen Schuhe, die wohl das einzige Mittel der Wahl sind, um der Qual des venezianischen Pflasters zu entkommen. Flach, simpel, bequem. Gibt’s aber nicht überall zu kaufen, zumindest nicht in entsprechender Qualität. Aber dafür an der Rialto-Brücke. Dort kommt man eh vorbei, wenn man Venedig besucht. Ist und bleibt fester Bestandteil des Programms in der serenissima – na ja ruhig und gelassen, das war einmal. Besonders, wenn alle fünf Meter ein Jüngling vor seiner Angebeteten niederkniet, um ihr einen Antrag zu machen, weil er das bei Insta schon soooo oft gesehen hat…

Maria Wiesner fand für ihr Buch Orte und Plätze, die jeden Venedig-Besuch nicht mit einem Oh-No-Erlebnis enden lassen. Mit entsprechender Gelassenheit und erfrischender Recherche durchläuft man ein Venedig, das vielen verborgen bleiben wird.

oh! Lago Maggiore

Man könnte den Lago Maggiore als einen der vier großen Oberitalienischen Seen beschreiben mit soundsoviel Quadratkilometern Oberfläche, der jährlich von zigtausenden Touristen besucht wird. Alles richtig. Aber die Touristen kommen bestimmt nicht wegen Größe und um sich mit Tausenden Anderen zu treffen, sondern weil sich hier eine Landschaft vor einem erhebt, bei der man sich erhaben fühlt. Man gehört zu einem Kreis Reisender, die Schönes gesehen haben. Kein elitärer Kreis. Und dennoch fühlt man sich so, dass man Einzigartiges sieht… genau wie die Anderen auch.

Und genau dieser letzte Halbsatz lässt die Einzigartigkeit in der Masse des Gemeinen ein wenig (nur ganz wenig, aber spürbar) verblassen. Denn wer im August in Locarno weilt, muss sich die Perlen der Stadt mit Zigtausenden teilen. Dann ist Filmfest, elf Tage Filmfestspiele. Man findet keinen Platz im ristorante, muss Angst haben, dass der Aperol aus ist etc. Und trotzdem fühlt man sich pudelwohl. Der Geheimtipp für alle, die einmal im Leben was Außergewöhnliches sehen wollen und vielleicht auch den einen oder anderen Leinwandliebling mal beim Spaghettizuzeln erwischen wollen.

Wer das alles schon erlebt hat und für den der Lago Maggiore eben nicht nur der zweitgrößte der Oberitalienischen Seen ist, muss sich etwas einfallen lassen, um wirklich Neues zu erleben. Patricia Arnold trägt mit ihrem „oh Lago Maggiore“ dazu bei, dass der Lago eben nicht nur der Lago bleibt, zu dem man geht, sondern das Ereignisgewässer bleibt, was es vor langer Zeit schon mal war.

Bleiben wir noch ein bisschen bei Promis und ihrer durchaus nachvollziehbaren Italienliebe. Da gibt es in der Nähe ein kleines Dorf. Nur vierhundert Einwohner. In manchen Gebäuden ist noch unerträglich heißer als an so manchem Hochsommertag. Woody Allan war schon hier. Aber nicht, um sich im kühlen Nass des Sees abzukühlen. Nein, er kam nach Quarna Sotto, weil hier die besten Saxophone der Welt entstehen. Den Schweiß des Tages vergisst man ganz schnell, wenn man den Meistern über die Schulter schaut. Noch ein wenig höher liegt Quarna Sopra. Wer hier ins Horn (Saxophon) stößt, tut dies vor überwältigender Kulisse. Ohren-und Augenschmaus in Einem. Da muss man lange suchen, um so was noch einmal zu finden.

Ob knackige Wanderung auf Bergspitzen, die einen Ausblick gewähren, den man nur selten erlebt oder weltbekannte Kunst im Museum, kuschelige Metropolen am Ufer oder verwaiste Berge – der Lago Maggoire hat noch lange nicht alles preisgegeben. Jetzt vielleicht ein bisschen mehr!

Ein Lächeln des Glücks

Sobald man im Hafen ist, ist die Seefahrerromantik eines Kapitäns auch schon dahin. Man muss sich anmelden, Papiere vorlegen und ausfüllen, den ganzen bürokratischen Kram erledigen. Vorbei die Zeit, in der das Auge tage-, wochen-, manchmal sogar monatelang über das Wasser schweifte und der Horizont einfach nicht näher kam.

Und dann ist man endlich an Land. Ein neues Leben beginnt. All das vertraute der letzten Zeit weicht einem neuen Rhythmus. All das Vertraute der Zeit davor, beginnt sich wieder zu entfalten. Und das ausgezeichnete (warum ausgezeichnet? – sein Name wird es gleich verraten!)  Nörgeln des Ersten Offiziers – Mr. Burns! – hat wohl nun auch endlich ein Ende. So ergeht es dem jungen Kapitän, der im Hafen einer nicht weiter benannten Insel ankert.

Und schon hat er Gesellschaft. Mr. Jacobus ist ein Redner, ein Händler, ein Kuppler wie er im Buche steht. Als junger Kapitän muss man sich da schon eine Strategie zurechtlegen, um nicht vollends über den Tisch gezogen zu werden. Als nicht gerade als Glückspilz geborener Kapitän, der dringend Ladung benötigt, um die klamme Kasse zu füllen, muss man noch vorsichtiger sein. Und man darf sich auf gar keinen Fall auf dubiose Geschäfte einlassen. Jeder Deal, der noch so verlockend erscheint, jedes noch so gute Angebot, muss man abwägen. Und doch lauert hinter jedem Halbsatz von Jacobus die Hoffnung, das man dieses Mal, man selbst, genau in diesem Moment vielleicht doch der eine Glückspilz ist, der den Unkenrufen und aller Vorsicht eine Nase dreht…

Joseph Conrad kannte die Tücken des Reisens. Er war einer der letzten Weltenbummler und Literaten von Weltformat. Seine „Reise ins Herz der Finsternis“ diente Francis Ford Coppola als Vorlage für „Apocalypse Now!“. Die Welt war sein. Den Menschen, die er traf, schaute er selbst ins Herz. Tragödien, Dramen, aber auch Glück und Zuversicht waren ihm nicht fremd. In dieser Geschichte tut er eine Grube auf, deren Boden tief im Dunkeln liegt. Stets möchte man den jungen Kapitän zurufen, dass er die Finger von diesem oder jenem lassen soll. Doch dann wäre die Spannung weg! Also folgt man ihm in die Dunkelheit und hält Ausschau nach dem Funken, der so oft als Hoffnung bezeichnet wird. Wird es dazu kommen?

Hotel Roma

Hat man einmal seine Lieblingsreihe oder seinen Lieblingsschriftsteller gefunden, kommt man schnell in einen Rausch. Man will alles lesen. Nach und nach will man auch sehen, wo Fiktion und Realität Schnittpunkte haben. Sherlock Holmes in London, Nestor Burma in Paris etc. Bei Schriftstellern wird es da schon schwieriger. Man will sehen, was sie sahen. Man will die Spannung erfühlen können, die den Autor erfüllte. Es ist eine Schnitzeljagd auf höchster Gefühlsebene.

Und wenn man dann noch in einer Zeit lebt, die Isolation zur Maxime erkoren ließ, schießen die Gedanken in den Himmel. Pierre Adrian muss es wohl so gegangen sein. Das Jahr 2020. Corona. Kontaktbeschränkungen. Was macht man als Autor? Man widmet sich dem, was man schon kennt, versucht noch tiefer in die Materie – im vorliegenden Fall ins Leben seines Vorbilds – einzutauschen. Cesare Pavese ist für Pierre Adrian fast schon ein Heiligtum. Er kennt sein Werk in. Und auswendig. Und er bedauert den viel zu frühen (selbst erwählten) Tod des Schriftstellers… Solche Ideen, die am Reißbrett der Sehnsucht entstehen, sind vom Erfolg gekrönt, wenn keine Ablenkung das Vorhaben stört. Wie gesagt, es ist Coronazeit. Ablenkung Fehlanzeige.

Es soll ein Roman werden. Fast schon ein Roadtrip. Der Erzähler – es muss Adrian sein! – will und muss sich mit seiner großen Liebe treffen. Das ist eine Frau, die aus Rom eintreffen wird. Gemeinsam wollen sie…

Als Leser von Cesare Pavese kennt man sich schon nach wenigen Kapiteln seiner Bücher ziemlich gut aus im Piemont und in Turin. Man weiß, wo man sich wohlfühlen kann und wo er, der Autor Cesare Pavese, sich quälte und seine Figuren ebenfalls. Und diese Orte besucht der Erzähler. Er sucht Bestätigung seiner Vorstellungen seines Idols. Er taucht in eine Welt ein, die er nie erleben konnte – die Gnade der späten Geburt.

Natürlich spielt das Hotel Roma in „Hotel Roma“ eine entscheidende Rolle. Der Ort, an dem Pavese seinem viel zu kurzen Leben ein Ende setzte. Hierhin zog er sich zurück – hier wurde er in eine andere Welt gezogen. Sein Ableben wurde erst spät bemerkt. Die Tage und Wochen zuvor sind nicht weniger spannend als das gesamte Leben des Künstlers, der unter anderem moderne amerikanische Literatur in die italienische Kulturlandschaft transformierte und selbst nicht mehr verwischbare Spuren hinterließ. Der Erzähler findet Weggefährten oder Angehörige von ihnen. Er entwirft ein Bild eines Mannes, das trotz der kaum bis gar nicht vorhandenen Bilder so klar ist wie man es sich nur wünschen kann.

„Hotel Roma“ ist mehr als eine Ergänzung zum Werk Cesare Paveses. Es ist essentieller Bestandteil eines literarischen Erbes, das immer noch viel zu wenige kennen. Hier wird nicht einfach eine Chronologie aufgestellt, hier wird ein Leben erlebbar gemacht!

Das grüne Kleid

Na, das geht ja gut los! Paul und Charlotte – ein Traumpaar. Unter Brücken den Schlafsack ausrollen – selbst der Fluss hält inne. Gemeinsam Silvester verbringen – ohne viel Tamtam, ganz gemütlich, genüsslich nebeneinander einschlafen und fast den Jahreswechsel verpennen. So sieht Glück aus. Perfektion! Da haben sich Zwei gefunden, die sich nicht suchten. Das war wohl das einzige Mal, dass nichts geplant war. Paul plant, er plant gut, wenn es notwendig ist, er plant behutsam, wenn er weiß, dass es zu viel sein könnte. Ach das Leben kann so schön sein.

Hermann Mensing beschreibt ein Paar, eine Liebe in seiner reinsten Form. Doch das Leben ist keine Maschine, die Liebe kein Uhrwerk, das ewig läuft. Ab und zu muss man das Getriebe schmieren, muss nachjustieren. All das machen Charlotte und Paul. Jeder auf seine Art. Immer im Gleichklang, ohne es jemals geplant zu haben – ganz im Gegenteil. Und immer ohne viel Aufhebens darum zu machen.

Und dann funkt das Schicksal dazwischen – der Klappentext nimmt von vornherein die Illusion hier die Anleitung zum nie endenden Glückszustand. Wo einst Harmonie und untrügliche Zukunftsvorstellungen herrschten, kehren Kurzatmigkeit und Spontanität ein. Die große Vorausschau weicht dem Denken an gleich, an Morgen, nicht weiter! Wo eben noch Glücksmomente das Herz fast zum Zerspringen brachten, überkommt die beiden Kalkül und Pragmatismus. Im Alter noch einmal dazulernen und im besten Sinne festgefahrene Pfade verlassen (müssen) – das Leben hält immer wieder ohne Rücksicht auf Erfahrung und Alter Neues parat.

Das gemeinsame Leben von Charlotte und Paul ist ein dauerndes Auf und Ab. Und das ist auch gut so. Ohne, dass sie es einfordern, ist es das, was sie wollen. Ein Ende ist nicht in Sicht, an ein Ende verschwenden sie nicht einmal in dunkelster Nacht einen Gedanken. Doch das Dunkel der Nacht bricht schnell, unverhofft und mit einem der Attitüde des Unabwendbaren über sie hinein. Über sie, über Charlotte…

Hermann Mensing schickt Charlotte und Paul auf eine Achterbahnfahrt, die sich über weite Strecken mehr wie die Wilde Maus anfühlt als der Tower of Magenumdrehen. Selbstverständliche Momente des unendlichen Glücks überragen jeden noch schwerwiegenden Moment von Zweifel oder Verzweiflung.

„Das grüne Kleid“ passt jedem, der sich in Geschichten und somit und Menschen hineinfühlen kann. Diese Geschichte liest man nicht einfach, man lebt sie, Seite für Seite, Abschnitt für Abschnitt, Zeile für Zeile.

Das Land wo die Eiscreme wächst

Hier schließt sich der Kreis. Die Droogs treffen sich regelmäßig in der Moloko-Bar. Ein Haufen harter Kerle hocken zusammen und trinken Milch. Was ein Gegensatz! Wie kommt man darauf? Das wird klar, wenn man ein anderes Werk von Anthony Burgess – dem Autor von „Uhrwerk Orange“ – liest. Es steckt ebenso voller Phantasie, jedoch auch voller Träumereien von einem paradiesischen Land, „Das Land wo die Eiscreme wächst“. Der Erzähler bricht nach einem für ihn und seine Freunde dramatischen Erlebnis auf, um dieses Land zu besuchen. Denn in einem Restaurant sitzt ein Gast, der alles versucht, um Eis aus dem Weg zu gehen. Er war schon dort, in dem Land wo die Eiscreme wächst. Körperlich stark, charakterlich schwach. Es war ihm zu viel. Zu viel Eis! Wie soll das denn gehen?! Einen Rat gibt er den Eisforschern mit auf den Weg: Nicht mit dem Flugzeug anreisen. Der Zeppelin ist das Verkehrsmittel der Wahl.

Denn nur so kann man gefahrlos an einer der zahlreichen gigantischen Eistüten andocken. Alles klar? Alles klar! Alles klar. Das Eiscremeland ist keine terra incognita. Man weiß, dass es hier zum Beispiel den Vanillegipfel gibt, und die Wassereiskuppe, die Baiseralpen, die sich aus der Lutschiama erheben. Der Gipfel des Genusses ist der Schokolatépetl. Schon allein dafür lohnt es sich zumindest einen Blick in dieses Buch zu werfen. Wenn dann die Zeichnungen von Fulvio Testa – er hat sich mehr als nur einen Kopf gemacht, dieses Wortspiel muss einfach sein – einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, ist man dem Buch hilflos ausgeliefert. So wie der Erzähler, Tom und Jakob dem Drang nachgeben das Land zu besuchen, das insgeheim ihr bisheriges Leben bestimmt.

Dieses Land ist ein ganz normales Land. Nur, dass hier eben alles aus Eis ist … und ein paar Waffeln. Hier läuft alles ganz „normal“ ab. Die Woche beginnt mit dem Mampftag und endet mit dem Salontagabend. Wie wohl der Freitag hier genannt wird?! Kleiner Tipp: Das FREI bleibt erhalten in dieser eiskalten (!) Umgebung.

Träume sind dazu da, um gelebt zu werden. Und wie kann man sich diesem Traum verschließen?! Es ist schier unmöglich. Wer Anthony Burgess mit der rauen Welt von „Uhrwerk Orange“ verbindet, wird hier in ein Land reisen, in der niemand – auch nicht von dem einzigen Bewohner des Landes, einem riesengroßen Monster mit beschränktem Wortschatz (welches Wort das wohl ist…)  niemand mit Spazierstöcken traktiert oder des Nachts überfallen und anschließend einer gehörigen Gehirnwäsche unterzogen wird. Klassik gibt’s auch. Denn was ist klassischer als ein italienischer Eisladen, der Luigi gehört und Kinder mit offenen Armen empfängt. Tata.