Die Frau im Zug

Geschichten, die im Zug spielen, haben in Deutschland immer einen gewissen Beigeschmack. Es ist Volkssport sich über die Bahnunternehmen aufzuregen. Meist zurecht. Aber auch immer mit einem gewissen Spott im Hintergrund. In diesem Buch ist es aber gaaaaanz anders. Ja, die Geschichte ist vielen bekannt. „Eine Dame verschwindet“ von Alfred Hitchcock hat seit Jahrzehnten die Massen begeistert. Das hier, dieses Buch, ist die Grundlage des Films.

Iris Carr ist eine zarte junge Dame. Sie gehört zu einer Clique von Menschen, die sie akzeptieren, sie allerdings auch nicht sonderlich ernst nehmen. Iris übernimmt gern die Meinung anderer, ohne dabei lustlos oder uninteressiert zu sein. Sie hat Haltung, doch kehrt sie sie nicht effektvoll heraus. Die Horde, wie sie ihren Freundeskreis nennt – allesamt Engländer aus mehr oder weniger gutem Haus, jedoch mit genug Pfund in der Tasche – macht Urlaub in Italien. Ausgelassene Stimmung bis Olga Iris bezichtigt ihr den Mann streitig zu machen. Wohl mehr Geplänkel als ernstgemeinter verdacht. Iris gehört eben doch nicht richtig zur Horde dazu… Die Horde zieht weiter, Iris genießt noch ein wenig die Sommerfrische. In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nannte man das noch so.

Triest soll ihr nächstes Ziel sein. Im Zug macht sie die Bekanntschaft einer Dame. Ebenfalls Engländerin – die beiden verstehen sich nicht nur wegen der nicht vorhandenen Sprachbarriere blendend. Die Aufregung der vergangenen Tage und überhaupt … lassen Iris in ein Nickerchen versinken. Nicht weiter erwähnenswert, wenn nach dem Aufwachen die nette Dame nicht verschwunden wäre. Iris sucht sie, findet ihre ehemalige Arbeitgeberin. Und jetzt kommt der Hammer! Auch die weiß nichts von der netten Dame, mit der sich Iris so angeregt unterhalten hatte. Niemand hat die Frau im Zug gesehen. Iris zweifelt an ihrem Verstand. Sie hat doch … stundenlang … angeregt … sie ist doch nicht … verrückt. Was’n hier los?!

Ethel Lina White beschreibt die Metamorphose einer sorglosen jungen Frau zu einer unerbitterlichen Suchenden mit viel Empathie und Wortwitz, dem man sich nicht entziehen kann. Für diejenigen, die den Film kennen – und das dürften nicht wenige sein – ergibt sich die Spannung aus der Neugier inwieweit Film und Buch auseinanderliegen. Wer den Film noch nicht kennt, und als Neuling ins …-Genre gilt, der wird hier gleich mit einem Meisterwerk konfrontiert. Hier wird Spannung aufgebaut, ohne groß Ankündigungsfahnen zu schwenken. Alles passiert als ob es das Natürlichste von der Welt sei. Und das ist die große Kunst die Ethel Lina White mit Bravour beherrscht.

Der Stern Wermut

Das alles war einmal. Die Sensation Bar hatte eine Sensation: La Niña Estrellita, jetzt „nur“ noch Églantine. Sie war der Star. Wegen ihr kam man hier her. Die hatte viele Verehrer. Das alles war einmal. In Haïti konnte sie gut leben. Doch das war einmal. In ihrer Unterkunft, es ist eine kleine Pension, all inclusive, mit rührender Herbergsmutter, kernt sie eine Frau kennen. Sie ist Geschäftsfrau. Sie hat sich etwas aufgebaut. Das will Églantine auch. Sich etwas aufbauen. Etwas mit bestand, wovon man auch noch im Alter profitieren oder zumindest leben kann ohne Angst zu haben, dass morgen alles vorbei ist.

Salz ist momentan das Gut der Stunde. Der Preis steigt steig. Die Speditionen scheuen das Risiko Salz zu transportieren. Wenn man also selbst das Salz abholt und es transportiert, steigt der Gewinn. Églantnie hat nichts zu verlieren, sieht keinen Grund zu zögern – das ist es, was sie suchte!

Ein Schiff mit erfahrender Mannschaft soll sie dem salzigen Glück näher bringen. Die See ist ruhig. Alles verläuft so wie sie es sich erhofft hat. Das sanfte Schaukeln des Schiffs wirkt beruhigend. Das ändert sich als allmählich Unruhe an Deck aufkommt. Der Horizont färbt sich rot. Was einst noch unentdeckt unter Oberfläche waberte, droht nun mit gigantischer Wucht über sie hineinzubrechen…

Das fragmentarische Weiterführen der Geschichte „Die Mulattin“ von Jacques Stéphen Alexis lässt den Leser in Erstaunen geraten. Er war der Meister des wunderbaren Realismus Haïtis. Diese Fragmente wurden vor wenigen Jahren erstmals veröffentlicht und nun erstmals auf Deutsch. „Der Stern Wermut“ ist prall gefüllt mit Sprachbildern, die in ihrer Intensität keine zwei Meinungen zulassen. Die einleitenden Worte von Rike Bolte führen den Leser in eine Welt ein, die zwar geographisch fern zu sein schient. In ihrer Vielfalt jedoch einem gar nicht mehr so fremd vorkommt.

Die Päpste

In unregelmäßigen Abständen verwandelt sich der ehrwürdige Petersplatz in die größte Partymeile der Welt. Und alle warten fahnenschwenkend und voller Ungeduld auf ein bisschen Rauch. Weißen Rauch. Denn dann wurde der neue Papst gewählt. Und damit ist die Jagd auf den neuen Namen eröffnet. Wer wird’s? Stimmen die tagelangen Prognosen? Was wird sich ändern?

Und dann treten die Experten auf den Plan. Wilde Spekulationen wie auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten machen die Runde. Bedächtige Herren lassen die Geschichte Revue passieren. Aus der Wahl für den höchsten Vertreter Gottes auf Erden ist eine Tombola geworden.

Und dann gibt es Bücher wie diese. Ein Protestant – Horst Fuhrmann – erzählt von dem, was einmal war. Ganz ohne Missionierungszwang und ohne Tendenzen. Einfach nur Geschichte erzählen. Und ja, es fühlt sich wie eine Erzählung an. Wo andere jede Zeile mit einem Datum, am besten noch mit Uhrzeit, beginnen, um sich selbst mit Fachkenntnis zu beweihräuchern, setzt er ein Zeichen für Fakten.

Petrus war der erste Papst. Er nannte sich aber nicht so. Er war lediglich der Bischof von Rom. Das mit dem Papst kam erst viel später hinzu. Aus dem Osten! In der Zwischenzeit, also bis zum heutigen Tag, gab es immer wieder Sonderlichkeiten. So kann es wohl ganz gut umschreiben. Denn zeitweise existierten mehrere Päpste gleichzeitig. Nicht nur der in Rom oder der in Avignon. Manche kauften sich ins Amt. Sie trieben’s bunt. Und das kann nun jeder für sich selbst interpretieren. Der Name Borgia ist mehr als nur ein Geschlechtername. Er ist das Sinnbild für Ausschweifungen enormen (biblischen?!) Ausmaßes. Inklusive Nachfolgegenerationen. Nur die Frage nach einer Päpstin kann auch Horst Fuhrmann nicht endgültig klären…

Dieses Buch ist ein umfassender Einblick in die Geschichte der Päpste. Sie kann ein Ausgangspunkt für weitere Suchen nach Antworten sein oder einfach nur das allwissende Buch für besondere Menschen sein. Warum müssen sich Kardinäle andere Namen geben, wenn sie den berühmtesten Thron der Welt besteigen? Was bleibt von ihnen, wenn sie den Weg alles Irdischen gegangen sind? Diese Fragen bleiben nicht unbeantwortet. Und schon gar nicht die Fragen, wer, ab wann und für wie lange die Geschicke der Kirche leitete. Die zahlreichen Abbildungen sind nachhaltiger Beleg für ein Amt, das vielen als überholt gilt, aber immer noch durch die Frage „Was wäre, wenn es den Papst nicht mehr gäbe?“ schlagartig für beendet betrachtet werden kann. Tiefgründige Recherchen machen aus dem Thema ein profundes Werk, das man immer mal wieder hervorholt, um noch einmal genau nachzulesen, was denn nun wirklich passierte, bevor der Pseudo-Investigativ-Journalist im Frühabendprogramm des pseudowissenschaftlichen Unterhaltungsmagazins breitbeinig haltlose Behauptungen von sich gibt.

Mordsgedanken

Wie stolz waren wir doch als wir als Knirpse, dem Windelwechselwahnsinn endlich entronnen nach der Eins in logischer Reihenfolge die Zwei, die Drei etc. folgen lassen konnten. Zählen gehörte ab sofort zum Leben dazu. Das bedeutet aber auch, dass nach dem ersten Schritt zwangsweise ein zweiter zu folgen hat. „Endlich war sie weg.“ – Eins, zwei, drei, vier Worte, die unweigerlich weitere folgen lassen müssen. Jan hat sich getrennt. Endlich. Die Topfpflanze war nur ein Relikt aus alten Tagen. Öde Zeiten ins langweiligen WGs. Jetzt bewohnt er eine Maisonette-Wohnung in München. Allein. Die Kontaktliste im Handy ist nicht sonderlich ergiebig, wenn es darum geht eine ausgelassene sinnstiftende Party zu schmeißen. Doch sich weiterhin im Selbstmitleid zu suhlen, ist auch keine Lösung.

Um es kurz zu machen: Jan, Leopold, Hella und Sebastian treffen sich. Sie würden es nicht Party nennen. Dafür sind sie zu lebenserfahren, und Party ist was für Millennials oder gar die Gen Z (für die ist das ganze Laben eine andauernde Party). Man hat sich teils jahrelang nicht gesehen, geschweige denn mal miteinander telefoniert. Doch das Vertraute der Vergangenheit wischt über die Enttäuschung des jahrelangen Schweigens hinweg. Beginnende Altersmilde? Der Tisch ist gedeckt. Die Getränke sind kühl gestellt. Die Gäste kommen gleich. Ein perfektes Dinner wird es … vielleicht? … niemals? … oder doch?!

Es wird hitzig, modern, redselig, in Teilen philosophisch. Aber auch gehemmt. So wie bei einem Klassentreffen, bei dem die Beteiligten lieber unter sich in ihren angestammten Cliquen bleiben als dass sie jahrelang gepflegte Nichtbeachtung in warmherzige Neugier verwandeln. Man monologisiert – was immer nur denen auffällt, die selbst endlos immer wieder dasselbe schwafeln, nur eben mit anderen Worten (oder sind es nur Worthülsen ohne Inhalt?). Ja, die selbstgewählte Einsamkeit hatte schon was für sich. Jan ist hin- und hergerissen. Er weiß nicht, ob er sich mit den Essenseinladungen einen Gefallen getan hat. Denn hinter den Fassaden der erzählten Leben, unter den Oberflächen des Scheins brodelt das Feuer der Emotionen. Es sind nicht die guten Gedanken, die da wie Pickel an die Oberfläche treten. Es sind Eiterbeulen des Hasses. Doch erinnern wir uns: Das Buch heißt „Mordgedanken“…

Schöne Melancholie

Sie sind die Feuerwehr, wenn’s brennt, aber der Rauch sich erst noch entwickeln wird: Arnaud Delagrave und Jean-Claude Bonneau. Sie sind Spezialisten für Fälle, für die es keine Spezialisten gibt. Kurzum: Wenn beispielsweise in einer Mine zwölf Menschen ums Leben kommen, darunter zehn Inuit, die Firma aber unbedingt expandieren will, die Umweltschützer und die autochthone Gemeinde wegen des Minenunglücks (und der Toten) aber schon mit den Hufen scharren, dann ist man gut beraten die beiden zu rufen. Troubleshooter, Werbefachleute – es gibt unzählige Titel für Männer wie sie.

Arnauds Ausstrahlung trifft auch Amélie wie ein Blitz. Fast halb so jung wie er haben die beiden eine leidenschaftliche Affäre. Er versucht sich immer wieder einzureden, dass es keine gute Idee ist sich auf die junge Anwältin einzulassen. Aber was will man – was will er – machen?! Anziehungskräfte unterliegen in seinem Fall anderen Gesetzen als denen der Vernunft.

Das Unglück ist nun mal passiert. Nicht das mit Amélie, das ist kein Unglück, sieht man von den Frotzeleien seines Kollegen ab. Nein, die Rede ist vom Mineneinsturz der Drago Polar Mine. Und ja, es sind auch Inuit darunter. Ein ganz heißes Eisen für jeden, der darin verwickelt ist. Für die Drago Polar Mine kann es der Dolchstoß sein. Denn Unterdrückung von Minderheiten war und ist in Kanada immer noch ein Thema – wer Michel Jean liest, wird so manches Mal mit staunenden Augen ein neues Licht auf das ach so erstrebenswerte Kanada fallen sehen. Die Medien stürzen sich erwartungsgemäß auf das Thema. Die kann man nur partiell steuern. Das wissen Arnaud und Jean-Claude. Unerwartete Hilfe bekommen sie von Ben. Einem altgedienten Polizisten, Inuk und somit selbst Teil der Ausgrenzung. Er gibt den beiden den Tipp Nancy zu suchen. Nancy ist irgendwo untergetaucht. In einem Milieu, in dem man in Klamotten wie sie Arnaud trägt unweigerlich und sofort auffällt. In der riesigen Metropole Montreal ist die Suche nicht einfach. Doch Arnaud ist schlau und gewieft. Er findet Nancy. Sie kann ihm tatsächlich helfen. Und das wirft Arnauds komplettes Weltbild um. Das, was sie zu erzählen hat, ist Sprengstoff für Wirtschaft und Politik. Für Arnaud ist es der Wendepunkt…

„Schöne Melancholie“ – der Titel führt den Leser erstmal auf eine falsche Fährte. Schön ist hier kaum etwas. Und melancholisch sind diejenigen, die längst aufgegeben haben und im Alkohol ihre letzte Zuflucht gefunden zu haben scheinen. Während des Lesens muss man sich warm anziehen und so manches Unglück ertragen. Das gehört zum Lesen dazu.

Der Paketzusteller

Nur mal so ganz theoretisch: Kennen Sie Trolle? Diese kleinen fiesen Mistzwerge, die im Netz so allem und jeden eine Meinung haben. Vorrangig aber belehren und sich in den Vordergrund zwängen wollen. Viele von ihnen wissen um ihre assoziale Umgangsform in den sozialen Medien. Und das stärkt sie in ihrem Drang anderen eine aufs digitale Maul zu geben. Sie haben ja schließlich die Diagnose assozial und somit die Legitimation diese auch auszuleben.

Gerhild Pfister – eine Name wie ein Kanonenschusssssss – ist so eine. Facebook ist ihr Revier. Ziemlich schlau. Und manipulierend. Rigoros. Abstoßend. Sie meint es nicht gut mit dem Leben der Anderen. Doch nun schlägt Karma zurück. Ab jetzt meint es das Leben mit ihr nicht mehr gut: Sie hat Krebs. Wie schon man doch in Bildern das Wort „hope“ in Szene setzen kann, mit Steinchen, sinnüberfrachteten Sprüchen, endlosen Horizonten – boah, schon bei der Vorstellung hofft man auf ein schnelles Ende, um nicht noch mehr von diesem bedeutungsschwangeren Unsinn ansehen muss!

Abermals schaltet sich Karma ein. Haydar ist Paketzusteller. Und irgendwie sind Gerhild und Haydar – tja, was sind sie? Ein Paar? Verrückt aufeinander? Einander zugeneigt? Das wissen sie selbst nicht. Erst als Haydar nicht mehr da ist, beginnt für Gerhild ein neues Leben. Nicht im Netz, sondern ganz analog! Ihn im Netz zu suchen, ist für Gerhild eine Fingerübung. Im echten Leben, da draußen, ist es eine fast unlösbare Aufgabe. Was hat eigentlich Haydars Chef mit der Sache zu tun? Er hat definitiv was damit zu tun! Hat er? Nee, das kann nicht sein?! Oder hat er doch … Haydar ums Leben gebracht. Wenn das so ist, dann – Gerhild wächst zum ersten Mal seit Jahren über sich hinaus. Wie ein Transformer wird aus dem followerstarken Miesepeter eine gigantische Rachemaschine, die … letztendlich …

Der Showdown in diesem Buch ist eine Granate! Eine, die sofort explodiert und ein riesiges Trümmerfeld hinterlässt. Hat man am Anfang des Buches kaum Sympathien für den gallespritzenden Troll Gerhild, so gönnt man ihr nicht nur ob der Diagnose doch ein kleines Stückchen Glück. Als dies vom Tisch kullert, und der böse Hund auch noch die letzten Reste zu verschlingen droht – Achtung Sprachbild! – muss man sich selbst an die Leine legen, um sich nicht selbst in den Rachefeldzug einzureihen.

Richard Schuberth verwebt auf angenehme Weise moderne Unarten mit einem Schicksal, das ganz klassisch immer noch jeden treffen kann zu einem Rachekrimi, der nicht viele seiner Art neben sich dulden muss.

Whisky, Lords und Dudelsack

Wir schreiben das Jahr 1960. Frühjahr. Der Journalist Gregor von Rezzori bereist Schottland. Im Sommer / Herbst des gleichen Jahres wird er seine Eindrücke in fünf Radioreportagen den Hörern seines Senders (Norddeutscher Rundfunk) kurz vor dem Mittagessen näher bringen. Jeweils eine Dreiviertelstunde! Kurzer Abstecher in die Gegenwart: Man stelle sich vor, dass einer der unzähligen Podcaster eine Dreiviertelstunde lang über seine Reiseerlebnisse erzählt. „Wow, echt krasse Berge hier!“ . mehr würde doch bei den meisten nicht rauskommen.

Vor 66 Jahren konnte man davon ausgehen, dass man – Radio war, ist und bleibt Kino im Kopf – bleibende Eindrücke zurückblieben. Schottland war schon damals ganz gut besucht. Engländer, Amerikaner, Kanadier kamen, um ihre Wurzeln zu suchen. So mancher suchte anhand eines Tartanmusters vielleicht sogar seinen Clan. Den Zahn kann von Rezzori den meisten gleich ziehen. Denn die urtypischen Schottenkaros sind gar nicht so alt wie man landläufig vermutet. Sie kamen erst im victorianischen Zeitalter auf. Das ist ’ne Sensation! Und für viele eine herbe Ernüchterung.

Zusammen mit Jürgen Schüddekopf war er wochenlang in Schottland unterwegs. In einem Jaguar Mark IX. Komfortabel reisen war unerlässlich, um einem – damals schon – Sehnsuchtsland auf die Pelle zu rücken. Es blieb nicht dabei. Beide tauchten tief in die Geschichte des Landes ein. Auch dem Nationalinstrument, dem Dudelsack, entlockten die Töne, die für viele neu waren. Wie niederschmetternd muss es für viele Stammtischexperten gewesen sein zu hören, dass der Dudelsack wahrlich keine Erfindung der Schotten ist. Aber wenigstens der Whisky – der muss doch schottisch sein?! Isser. Das beruhigt das geschundene Herz.

In den Archiven des Radiosenders schlummerten seit Jahrzehnten die Manuskripte der Sendung. Ebenso die Sendebänder. Nun wurden sie herausgekramt und in diesem einzigartigen Buch veröffentlicht. Radio zum Nachlesen. Und mit Bildern! Das spart zwar nicht das Mitdenken beim Lesen, vermittelt aber ein abschließendes Bild dieser Reise, die man so nie wieder machen kann. Heute ist Schottland in der Hauptsaison übersät von Individualtouristen, die entgegen ihrer Natur alles plattwalzen, was ihnen vor die Wanderschuhe kommt. Andere ergießen sich Wunderworte, wenn sie echten schottischen Whisky probieren (und wieder ausspucken, weil man das halt so macht…). Pubfolklore inklusive.

In der Reihe „Europa erlesen“ nimmt dieses Buch nicht wegen des Formates einen besonderen Platz ein. Es ist der Mut ein Buch auf den Markt zu bringen, das aufgrund seiner nicht vorhandenen Aktualität einen ganz speziellen Leserkreis anspricht. Wer Schottland außerhalb von „nur“ grünen Wiesen und „nur“ alten Schlössern besuchen will, der braucht Einblicke in die Zeit als Sehnsüchte noch Jahre brauchten bis sie sich in Wirklichkeit verwandeln konnten.

Arrivederci Adria!

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieses Buch liest man am besten am Strand. Spiaggia. Bei Sonnenschein. Umgeben von Landsleuten muss man nicht zwingend sein. Aber auch nicht von ewig Folklore verströmenden Einheimischen…

So wie in der Geschichte von Julius Frauenstädt. Der will mit seiner Familie und dne Großeltern nach Rimini. Dorthin, wo Fellini geboren wurde. Dorthin, von wo aus Fellini schnell wegwollte. In die große weite Welt und berühmt wurde. Erstmal wird einer nach dem Anderen krank. Dann spielt das Wetter verrückt. Von wegen bel tempo. Und zum Lesen – Moravia – kommt Julius Frauenstädt auch nicht. Als dann – endlich – Abreisetag ist, verkehrt sich alles ins Gegenteil. Die Sonne scheint, Fellini hat ihn tagträumenderweise an die Hand genommen, San Marino war eine Enttäuschung und die Heimfahrt … ach nee. So muss, so darf ein Italienurlaub einfach nicht sein.

Egyd Gstättner macht es den Helden in seinen Geschichten nicht einfach. La dolce vita gibt es nur auf der Leinwand. Schreiende Kinder, frutti di mare im Überfluss, aber so richtig Urlaub? Das gibt’s ned! Woran liegt das? Sich mal so richtig gehen lassen, wie die Italiener – Klischees sind doch was Wunderbares – ist einfach nicht drin. Und wenn doch, dann schwebt die tickende Uhr über der an sich entspannten Stunde.

„Arrividerci Adria!“ liest man mit Genuss. Immer, wenn es einem besser geht als den Protagonisten, fühlt man sich gut. Und wenn man doch nicht recht entspannen kann, so weiß man doch, dass man nicht der einzige ist, dem es so geht. Manchmal brennen seine Geschichten wie Grappa in der vertrockneten Kehle. Manchmal sind sie Seelenmassage wie Tiramisu nach einem heißen Strandtag. Doch sie gehen immer sofort unter die Haut wie ein laues Lüftchen, dass die brennende Sonne erträglich macht.

Das Licht von Marrakesch

Raue Melonenscheiben, erloschenes Rosa, kaiserlich, rote Mauern, Rot, das sich in Gold verwandelt – um es kurz zumachen: Wer jetzt nicht sofort die Koffer packen will und gen Marrakesch aufbrechen will, hat keinen Sinn für Poesie und Fernweh! Jede Seite in diesem Buch strotzt nur so vor Liebe zu der immer noch sagenumwobenen Metropole Marrakesch.

Abdelwahab Meddeb reiste nach und lebte in Marrakesch. Immer dabei ein Notizheft. Fast achtzig wurden es im Laufe seines Lebens. Sechshundert Seiten. In Schönschrift. Intellektuell, nachdenklich, kindlich begeistert, aufnahmebereit und –fähig, aufsaugend, durstig wie eine Verdurstender durchstreifte er die Stadt. Wie ein Kenner als auch als Fremder, der alle Sinne einschaltete, um komplett die Stadt einzuatmen. Es sind keine Reiseberichte im eigentlichen Sinn, die dem Leser erlauben noch einmal diese Orte zu besuchen. Sie sind Anleitungen Marrakesch in sich aufzunehmen. Es bedarf keiner Ortsnennungen, um die Stadt zu erleben. Düfte, Ausblicke, Einblicke, Mauern, Weitsichten malen ein Bild, das man nie mehr vergessen kann.

Jedes noch so farbenintensive Magazinbild, jeder noch so authentische Bewegtbildbericht verlassen gegen die Beschreibungen von Abdelwahab Meddeb. Marrakesch ist eine dankbare Stadt für alle, die gern ihre Erlebnisse zu Papier bringen. Persönlich und unverfälscht lässt man staunend eine Zeit wieder aufleben, die einzigartig war. Nur wenige kehren zurück und erleben alles noch einmal so intensiv wie beim ersten Mal. Routine kehrt ein. Man besucht Orte, die man kennt, um sich lokaler zu fühlen. Übersieht dabei, dass die Bestätigung an Wert verliert, und das Neue immer noch reine Freude hervorrufen kann.

„Das Licht von Marrakesch“ ist ein andauernder Rausch des Neuen. Selbst ein so bekannter Platz wie Djemaa El-Fna – den Namen kennt man vielleicht nicht, aber die Bilder sind weltberühmt – wird für den Autor zu einem Platz für dauerhaft Neues. Hier atmet man den Puls der Stadt. Auch heutzutage noch, nur eben mit einer wabernden Tourimasse, die in Shorts und Sandalen unter Hitze stöhnend nur nach dem nächsten Souvenir hächelt. Dabei gibt es doch so viel zu sehen. Was? Kurz vor der Hälfte des Buches zieht einen der Autor in eine Welt, die sich allen Verlockungen der Massenanwerbung immer noch einen entscheidenden Teil Natürlichkeit bewahrt hat.

„Das Licht von Marrakesch“ sticht unter den Erlebnisberichten über Marrakesch durch seine Sensibilität und dauerhafte Betrachtung wie ein Wolkenkratzer in der flachsten Wüste heraus. Es ist bedeutender als die meisten Reisebücher und sorgt mit jeder Seite, jedem Kapitel, jeder Zeile für Erleuchtung.

Fremder Champagner

Wir sind misstrauisch, wenn wir beim Surfen im Netz aufgefordert werden etwas zu bestätigen oder gar persönliche Daten anzugeben. Da will jemand was von uns ohne, dass wir Einfluss darauf haben. Außer wir verweigern die Angaben. Dann können wir aber nicht mehr in die schöne heile Welt der schönen Bilder eintauchen. Ein beklemmendes Gefühl bleibt aber irgendwie zurück.

Wenn wir unseren Kassenzettel im Einkaufswagen achtlos zurücklassen, sind wir weniger zimperlich. Was soll schon passieren? Da weiß jemand, dass wir Butter und Wurst gekauft haben. Und ’ne Tiefkühlpizza und ein überteuertes Eis. Na und!

Ein Glücksfall für die Protagonistin der titelgebenden Geschichte. Sie ist Profi. Profi in dem Sinn, dass sie Kassenbons sammelt. Ja, sie sammelt (und sie ist keine Datenkrake!) Kassenbons. Und was macht sie damit? Sie taucht in eine Welt wein, die nicht die ihre ist. Heuet hat sie besonderes Glück. Da hat jemand Champagner gekauft. Nicht den billigen Fusel, der am nächsten Morgen die Synapsen malträtiert. Den Guten. Den richtig Guten. Auch sie war einkaufen. Das Nötige. Was man so braucht, um nicht mit knurrendem Magen das haus verlassen zu müssen oder am Abend nicht weniger mürrisch sich ins Federbett zu verkriechen. Sie kehrt noch einmal um. Kauft Champagner. Den gleichen wie der auf dem Kassenbon. Den Teuren. Den Guten. Zuhause wird dann gefeiert. Was wird gefeiert? Nichts Besonderes. Nur eben den Moment. Und sie taucht ein in ihre – ihrer Meinung nach – eigene Welt. Leicht dekadent. Mit der teuren Blubberbrause. Alles so bunt um sie herum. Nicht weil die Prozente ihr die Sinne vernebeln. Nein, sie stellt sich tief im Inneren vor wie der Kassenbonverlierer mit seinem teuren Champagner einen mindestens ebenso schönen Abend verbringt wie sie den ihren. Dank ihm! Ohne ihn, ohne den verlorenen Kassenbon wären es bloß wieder Schnittchen gewesen.

Dies ist nur eine von fünfzehn Geschichten von Martina Berscheid. Sie alle sind getragen von Sehnsüchten. Wenn das Familienfest wieder mal in Langeweile erstickt wird, sucht man sich eben einen Fluchtpunkt. Der verhindert vielleicht nicht die stickige Atmosphäre, macht sie aber für einen Moment erträglicher.

Die fünfzehn Geschichten regen die Phantasie an. Denn jeder kommt einmal in ähnliche Situationen, die unangenehm oder lähmend sind. Dann ergeht man sich in mehr oder weniger laut geäußerte Tiraden … und ändert nichts an der Wahrnehmung. Hier kommen Helden zu Wort, die ganz ohne Superkräfte an den Säulen der Wahrnehmung rütteln. Mal witzig, mal sonderlich, doch immer wahrhaft.