Eine Aufforderung zum Kampf

Als Diktator lebt es sich relativ gemütlich, wenn man die Untergebenen im Griff hat. Das geschieht ausschließlich durch Gewalt. Die muss man sich teuer erkaufen. Denn die willfährigen Helfer fordern auch ihren Tribut.

Saintil ist so ein Diktator. In Haïti. Er hält das Dorf Bois-Neuf im Würgegriff. Eine Armee von Zombies verrichtet stoisch die Arbeit, die sonst keiner macht. Sie füllen die Wampen derer, die keinen Finger krümmen wollen. Selbst vor der Familie macht Saintil keinen Halt. Seine Tochter wird einmal alles erben. Doch nur, wenn sie sich nicht an einen Anderen bindet. Keusch und rein soll sie irgendwann einmal da Ruder in die Hand nehmen. Bis dahin ist sie die gute Fee im bösen Haus. Andernorts sind Diktatoren noch grausamer, zu ihrer Familie…

Doch auch die Zombies haben Gefühle. Gefühle, die sie wortreich und bildhaft nur untereinander teilen. Sie sind willenlose Geschöpfe, die nach Außen wie Maschinen funktionieren. Doch keine Macht der Welt kann ihre Gedanken komplett kontrollieren oder gar ausschalten. Das alles funktioniert nur so lange sie kein Salz in ihrem Essen haben. Das Salz in der Suppe – hier bekommt es einen habhaften Beweis seiner Existenz.

Die Jahre verfliegen, das Leben ist karg, hart, kaum lebenswert. Sultana ist die Tochter von Saintil. Mittlerweile ist sie zu einer jungen Frau herangewachsen. Einer Frau, die Gefühle hat, die Bedürfnisse in sich spürt. In Clodinis findet sie den Mann, ihr Gegenstück, ihre Liebe, die langsam erwacht. Clodinis ist allerdings ein Zombie. Ein Wesen, das zu funktionieren hat. Und es auch tut. Solange … ja, solange ihm das Salz entzogen bleibt. Es kommt wie es kommen muss…

Frankétienne lebte sein Leben lang auf Haïti. Auch während der Duvalier-Diktaturen, zuerst Papa Doc, dann Baby Doc – beide nahmen sich in Sachen Gewalt nicht viel. Sie brachen das Land und die Rückgrate der Menschen. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar und werden auch so schnell nicht verschwinden. Trotz seiner Schriften, die den Herrschern nicht gefallen konnten, lebte Frankétienne immer auf Haïti ohne sich groß verbiegen zu müssen. Seine Bücher sind Kulturgut und Hinterlassenschaften einer reichhaltigen Literaturszene. Er starb 2025 im hohen Alter von 88 Jahren.

„Aufforderung zum Kampf“ ist ein Gleichnis für den Aufstand gegen die Unterdrücker. Das Salz ist der Brocken Hoffnung, dem man den Geknechteten hingeworfen hat. Ihr Aufstand ist dank ihrer Masse Gutes beschieden. Doch die Macht der Wenigen, der Auserwählten, die geschickt ihr Tun verschleiern, ist nicht zu unterschätzen. Die poetische Sprache dieses an sich knallharten Buches ist kein Widerspruch. Im Gegenteil. Schnell liest man sich in eine Welt hinein, die so weit weg scheint und erstaunlich viele Parallelen zur doch so nahen Zukunft aufweist.

Das Lachen Haïtis

Ganz oberflächlich betrachtet ist Haïti verloren. Jede Meldung – und die sind selten – eine Schreckensnachricht. Erdbeben, Unruhen, Plünderungen, Anarchie und Chaos. Und die letzte Meldung: Die haïtianische Fußballmannschaft darf nicht ins WM-Gastgeberland USA einreisen, um dort seine Vorrundenspiel zu absolvieren. Was aber am Austragungsort bzw. –land liegt. Vereinzelt sind manchem noch die Diktatoren Papa und Baby Doc bekannt. Die Duvaliers haben ein Land hinterlassen, dass von banden dominiert wird und seitdem von Katastrophe zu Katastrophe schlittert. Die einzige Konstante im Karibikstaat.

Das sind die Vorurteile, die zum einem großen Prozentsatz sicher auch stimmen. Andererseits herrscht hier eine literarische Vielfalt und Beständigkeit, die dem Chaos und der Angst derart widerstandsfähig entgegenstehen, dass man es kaum glauben kann. Man kann es ruhig glauben! „Das Lachen Haïtis“ ist der schwungvolle Beweis. Und hier, im Inselstaat Haïti ist eine eigene Literaturform entstanden. Lodyans. Witz, Märchen, Sozialkritik und Geschichtsrückbesinnung sind die Charakteriegenschaften dieser kurzen, bissigen, spritzigen, lebensbejahenden Literaturform, die in Haïti zur Kunstform reift.

Georges Anglade war unter anderem am Demokratisierungsprozess der Insel beteiligt, nach die Duvaliers aus dem Land getrieben wurden. Später, während der zweiten (von Drei) Amtszeiten von Jean-Bertrand Aristide Minister für öffentliche Aufgaben, unter dem Nachfolger René Préval besonderer Berater. Doch seiner Leidenschaft, den lodyans gab er schlussendlich den Vorzug. Beim verheerenden Erdbeben 2010 kamen er und seine Frau um Leben.

Der Untertitel „Neunzig Miniaturen“ ist nüchtern betrachtet eine Sammlung von neunzig kurzen Geschichten, die sich leicht lesen lassen. Bei genauerem Hinsehen – Lesen! – sind es tiefe Einblicke in die Seele eines Landes, das auf dieser Seite der Erde voller Vorurteile steckt, die es schwer haben beseitigt zu werden. Natürlich spielen Voodoo, Aberglaube und Hellseherei eine bedeutende Rolle. Sie sind elementarer Bestandteil der Kultur der Insel wie Fußball in England oder spätes Abendessen in Spanien. Sie wirken aber keinesfalls effekthascherisch und gezielt eingesetzt, um den Leser bei Laune zu halten. Sie sind so normal in die Geschichten eingebunden, dass man auch ohne Glauben daran, den Nichtglauben daran verliert.

Diese über dreihundert Seiten tun mehr für das Verständnis für die Insel als so manches Lippenbekenntnis oder Wehklagen der Politiker des isolierten Landes. Eine Reise ins Herz Haïtis. Mit allen Wendungen und Ecken und Kanten, die eine Reise nun mal hat.

Der Junge, der im Dunkeln sah

Dass er etwas Besonderes ist, weiß Jēkabs irgendwie, tief in seinem Inneren. Und dann auch wieder nicht. Doch er versucht immer Besonderes zu tun bzw. alles, was er tut besonders gut zu tun. Seine Eltern sind blind. Und er kann im Dunkeln sehen. Das hört er zum ersten Mal bei einer Familienfeier. Da ist er aber schon so sehr in seiner Rolle als etwas Besonderes, dass er es als ganz normale Bestätigung wahrnimmt.

Die Familie lebt anfangs in einer sehr beengten Wohnung. Ein Wohnheim. Mit Gemeinschaftsküche. Mit Gemeinschaftstoilette. Mit Gemeinschaftsduschen, im Keller. Jēkabs liebt die Natur. Hier kann er herumtollen, sich austoben. Und er könnte auch mal seine Pflichten vergessen. Tut er aber nicht. Selbst beim Blaubeerenpflücken hastet er von Strauch zu Strauch und vergisst dabei fast, dass es seine Lieblingsbeeren sind, die er sich auch gern mal händeweise in den Mund stopfen darf. Selbst wenn er hinterher Bauchschmerzen bekommt.

Die Zeit vergeht. Jēkabs ist immer der gute Sohn, das Wunschkind seiner Mutter. Nichts wünschte sie sich mehr als ein Kind. Als von Geburt an Blinde ist ihr Sohn ein Privileg. Eines, das man achtet und hegt und pflegt. Doch die Jahre vergehen unweigerlich und Jēkabs wird nach und nach erwachsen. Vorbei die sorgenfreie Zeit, in der er die frisch gewaschene Wäsche auf dem Trockenplatz als Heimat wahrnimmt. Vorbei die Zeit, in der er der stets umsorgende Sohn war. Er wird sich emanzipieren müssen. Das wird schwer!

Vor allem für seien Mutter. Ihr geht es nicht so sehr darum ihrer Sorger zu verlieren. Es geht vielmehr um den Verlust im Allgemeinen. Und darum, dass sie ihn, das Wunschkind, nicht mehr so oft sieht wie zuvor. Und in Jēkabs nagt mehr und mehr das schlechte Gewissen. Kann, darf er seine Eltern verlassen?

Rasa Bugavičute-Pēce fühlt sich in einen Jungen hinein, der in eine besondere Situation geboren wurde. Schon früh muss er Erwachsenenaufgaben übernehmen. Für ihn normal. Die Sticheleien der Anderen wehrt er wie ein Mann ab. Manchmal denkt er sich, ob man ihm denn nicht schon früher mal etwas sagen konnte, der er etwas Besonderes ist oder in eine besondere Situation, eine besondere Familie hineingeboren wurde. Doch was hätte das geändert? Vertragsauflösung? Nein, nein, Jēkabs fügt sich ohne sich klein zu machen. Doch das Schicksal hat mehr mit ihm vor…

„Der Junge, der im Dunkeln sah“ ist eine Offenbarung! Weil es der Autorin gelingt mit zart gewobenen Sätzen eine Stärke erfordernde Realität zu meistern. Mit all ihren Ecken, Kanten, Wendungen aber auch mit all dem Glück eine Familie zu haben.

Durch Jugoslawien im roten Peugeot Band 1+2

In Artikeln und in Online-Lexika liest sich das alles so einfach. Anfang der 1990er Jahre lösten sich mehrere Länder von Jugoslawien und machten sich selbstständig, was zu kriegerischen Handlungen führte. Jugoslawien gibt es nicht mehr. Jetzt / von nun an gibt es Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kosovo, Mazedonien und Serbien. Allesamt willkommene Länder im Westen – außer Serbien. Die Serben hatten in Jugoslawien die Hoheit, die Oberhand, unterdrückten alles, was nicht serbisch war. Es ist alles so einfach, wenn man im Netz in wenigen Zeilen den brutalen Zerfall Jugoslawiens betrachtet. Dass das natürlich nicht so schwarz-weiß zu sehen ist, dürfte jedem klar sein, der auch nur einen Hauch Geschichtsinteresse in sich trägt.

Als fast schon alleiniger Verbrecher der Greueltaten – die es unbestritten unter serbischer Fahne gab – wurde die gesamte politische und militärische Riege Serbiens ausgemacht. Milosevic – ein Name wie Donnerhall, der sich vor dem Haager Tribunal verantworten musste und stumm den Anklagen lauschte – war die Symbolfigur der Anfeindungen.

Als der Literaturnobelpreisträger Peter Handke sich gegen die in seinen Augen einseitige negative Berichterstattung gegen Serbien stellte, sogar bei der Beerdigung Milosevics anwesend war, brach eine Hasswelle über ihn herein, die ihresgleichen sucht. Massen an Intellektuellen traten aus ihren Elfenbeintürmen heraus und sonnten sich im Angesicht der anfeindenden Sonne. Natürlich ist Peter Handke streitbar. Ob das alles Kalkül war oder ob er einfach nur ein zutiefst anarchistischer, nonkonformitischer Quertreiber ist, dieses Urteil obliegt ganz allein ihm selbst. Seine Wirkung nach Außen hat er nicht verfehlt.

Journalist und Herausgeber einer Jugoslawien-Peter-Handke-Reihe bei Suhrkamp Thomas Deichmann hat Peter Handke auf vielen Reisen nach Jugoslawien und den Nachfolgestaaten begleitet. Im ersten Band von „Durch Jugoslawien im roten Peugeot“ sind seine Erinnerungen sowie veröffentlichte Texte Handkes zusammengefasst, der zweite Band ist der reich bebilderte Zusatzband.

Für die meisten ist der Krieg auf dem Balkan inzwischen weit weg. Die, die in Uniform daran teilnahmen – nicht vergessen: Die Bundeswehr war damals noch ein zahnloser Tiger im Vergleich zu anderen Armeen – erinnern sich vielmals fast schon nostalgisch an das Drama. Traumata auf deutscher Seite gab es kam bis gar nicht.

Man muss ich in Geduld üben, liest man die Erinnerungen und die Texte Handkes. Auch muss man sich so manches in Erinnerung rufen – und eigentlich gleich wider vergessen. Peter Handke ist streitbar. In Nebensätzen relativiert er viel schroffe Aussagen, um seinen wahren Gedanken Gehör zu verschaffen. Kriege sind nie einfach zu verstehen. Man muss sie nicht verstehen, man muss sie verurteilen. Doch leider sind die Rädelsführer verschlossene Gesellen, die ihre eigentlichen wahren Beweggründe nur selten offenlegen – Ausnahme sind vereinzelte Hetzer und Treiber der Gegenwart der Jahre 2025/26, die offen und verabscheuungswürdig ihre Gründe offenbaren. Der Jugoslawienkrieg war für viele ein Wirrwarr aus Splittergruppen verschiedener Ethnien. Das ließ sich leicht(er) in den Medien transportieren. Die richtige Einordnung des Ganzen gelingt niemandem. Auch nicht Peter Handke. Doch ein derartiges Kompendium seines Werkes während dieser Zeit in den Händen zu halten, ist ein Riesenschritt in die richtige Richtung all das, was damals passierte ein wenig besser einordnen zu können. Ohne dabei das Zwischen-Den-Zeilen-Lesen zu vergessen.

Europa erlesen Genua

Die ligurische Küste besticht durch ihre elegante Küstenführung und die sofort daran anschließenden schroffen Bergformationen, die einen Ausstieg aus dem Meer nicht den sofortigen Aufstieg an Land zulassen. Hier muss man sich bewegen, Hakenschlagen, um ans Ziel zu gelangen.

Auch muss man sich nicht lange mühen, um die Stadt aufsaugen zu können, sofern man sich dieses kleinen Büchleins herzlichst annimmt. Genua kann nicht wie beispielsweise Florenz auf eine Galerie großer Namen, die die Geschicke der Stadt leiteten und bis heute zum Strahlen bringen, verlassen. Die Stadt will erobert werden. Und sie wurde erobert. Christoph Kolumbus verließ sie, um die Welt zu erkunden. Heinrich Heine und Charles Dickens – zum Beispiel – kamen zu ihr, um ihre Reize zu entdecken. Wortreich, gewandt wie ein eleganter Luchs, schlichen sie durch die Häuserschluchten, erklommen Hügel und waren ergriffen von der Weitsichtigkeit der Stadt. Das alles ist anderthalb Jahrhundert bis zweihundert Jahre her. Und noch immer kann man der Faszination der Dichter etwas abgewinnen und zustimmend nicken, wenn ergriffen und charmant von Genua schwärmen. Selbst Karl May war hier – oder doch nicht. Bei ihm weiß man ja nie so genau…

Der Weltreisenden Alma Karlin sieht die große Stadt schon etwas nüchterner. Sie hat die Welt gesehen, wird sie noch bereisen als sie Genua besucht. Ein bisschen mehr Farbe hätte ihr Urteil üppiger ausfallen lassen. Die Suche nach einer passenden Unterkunft hat auch nicht dazu beigetragen Genua als Sehnsuchtsort einzuordnen.

Dieses kleine Büchlein ist unverzichtbar beim nächsten Genua-Besuch. Die gesamte Bandbreite von Ui bis Pfui wird in den Texten über die Stadt abgebildet. Wahrlich hat sich Genua verändert. Als Stadt am Meer unterliegt sie zwangsläufig Veränderungen. Und wie damals – zu Zeiten von Heine, aber auch Alma Karlin – gibt es Ecken, die nicht zwingend vorzeigbar sind. Ebenso die Plätze und Orte, die einem den Atem stocken lassen.

Fakt ist, dass „Europa erlesen – Genua“ ein fester Reisegepäckbestandteil sein sollte, will man Genua auf den Grund und nicht auf den Leim gehen.

Europa erlesen – Florenz

Nach Rom ist Florenz sicherlich die Stadt mit der größten Anziehungskraft in Italien. Eine derart prächtige Stadt muss man sich erobern. Von der Piazza Michelangelo hat man sicher den imposantesten Ausblick auf die Stadt, ist aber zu keiner Tageszeit allein und muss die Erhabenheit der Stadt mit allerlei plärrendem Publikum teilen. Und erst in den Straßen und Gassen der Stadt! Kein Quadratmeter, der nicht von Menschen besetzt ist. Keine Ruheort, an dem an sich ein paar Moment Ruhe gönnen kann. Die muss man sich selbst schaffen.

Mit diesem Buch in der Hand – passt in jede noch so kleine Tasche – ist die Ruheoase nur wenige Momente entfernt. Man vergisst den Lärm der Stadt und der durch sie hindurchwalzenden Menschenmassen. Man versinkt in kleinen fiesen Intrigen wie Giovanni Fiorentino, der einen liebestrunkenen Eroberer von seiner Angebeteten angetrieben in ein Fiasko zu stürzen scheint. Sehr zum Leidwesen ihres Gatten…

Florenz ist auch und vor allem die Stadt der Medici. Niccolò Machiavelli war ihr großer Gegenspieler. Ausgerechnet er verhandelte mit den Borgia – die andere Renaissance-Sippe, die mit unerbittlichem Machtdrang aufstieg und sich dort mit noch mehr Gewalt lang, zu lange hielt, um einen drohenden Krieg zu vermeiden. Die Schmeicheleien auf beiden Seiten, aber auch die versteckten Drohungen (heutzutage wird ja gleich offen gedroht und im gleichen Atemzug dementiert) sind eine wahre Pracht, wenn man sich in sie vertieft.

Dieses kleine Lesebüchlein mit Auszügen aus Texten über und aus Florenz ist wie die Stadt selbst eine Zierde. Eine Ruheoase, die einen alles um sich herum verschwinden lassen kann, lässt man sich darauf ein. Ideal, um die Stadt am Arno näher und intensiver kennenzulernen. Und mancherorts erschein die Mysterien der Stadt wie ein offenes Buch vor dem Betrachter. Erholungspause mit Lerneffekt in einem – das gibt’s nicht oft.

Die Straße der fischenden Katze

Die Straße der fischenden Katze gibt es tatsächlich. Und die heißt auch wirklich so. Und auf dem Titelbild sieht man sie. Selbst auf Wikipedia ist die Straße mit einem eigenen Artikel vorhanden. Sie liegt im V. Arrondissement, Quartier de la Sorbonne. Die Straße /Gasse ist klein. Schmal. Nicht besonders lang. Wer versucht einen ganzen Tag hier zu verbringen, muss verdammt langsam gehen. Sie ist nur knapp dreißig Meter lang. So viel zu den Fakten.

Hier lebte auch die ungarische Schriftstellerin Jolán Földes. Sie kennt die Legende der Katze, die mit einem Pfotenschlag Fische aus der nahegelegenen Seine „fischen“ konnte.

Und hier lebt nun auch Familie Barabás. Sie flüchteten aus Budapest entlang der Donau nach Wien. Schon auf der ersten Seite fesselt der Satz, dass die Züge damals wie Schafe einer zerstreuten Herde umherliefen, den Leser und lässt ihn freudig erwartend die kommenden knappe dreihundert Seiten begeistert in die 20er/30er Jahre in Paris eintauchen. Die älteste Tochter der Barabás’ wird die Geschichte der Familie und der Straße so erfrischend ehrlich und neugierig erzählen, dass man sofort die Tasche packen möchte, um diese kleine Gasse nur einmal einfach nur zu sehen.

Denn hier – als Ghetto möchte man die Straße nicht beschreiben, Ghettos sind schlimmer – trifft sich die Welt. Aber nicht in wallender Ballrobe, sondern in Alltagskluft. Russen, Litauer, und eben auch Ungarn versuchen hier ein Leben zu führen, dass man gemeinhin als „normal“ bezeichnen möchte. Doch ihr Leben ist nicht „normal“. Sprachbarrieren erschweren die Jobsuche. Als Ausländer in dieser rauschenden Zeit, in dieser vibrierenden Stadt hat man mit allerlei Vorurteilen zu kämpfen. Und mittendrin Anna. Ein Kind noch. Doch mit wachem Auge und nicht minder wachem Verstand. Sie sieht, was Erwachsene nicht sehen können. Vorurteile kennt sie nicht. Doch sie erkennt Boshaftigkeit und Lug und trug. Hier ist sie nun zuhause. In dieser kleine Gasse/Straße in der großen weiten Welt. Weit weg von dem, was einmal Heimat war. Die große Politik ist ihnen wie so vielen nicht wohlgesonnen.

Jolán Földes dringt mit Wortwitz und nadelstichiger Präzision in eine Welt ein ohne sie zum Platzen zu bringen. Es ist eine fragile Welt, wie ein Ballon, ein Luftballon. Doch so zart dieser Ballon auch erscheint, er ist flexibel und widerstandsfähiger als man auf den ersten blick erkennen mag. Zerspring er allerdings, ist er irreparabel. Diese Gratwanderung macht „Die Straße der fischenden Katze“ zu einem Meisterwerk, das man sich gern immer wieder zur Hand. Spätestens beim nächsten Parisbesuch.

Aserbaidschan

Schon mal einen Arm in einen Vulkan getaucht? Oder eine echt nostalgische Eisenbahnreise unternommen, die sich wie eine Zeitreise anfühlt? Oder eine Stadt besucht, die auf wenige Jahre alten Postkarten so gar nichts mehr mit der aktuellen Realität zu tun hat? Lust darauf? Dann ist Aserbaidschan die erste Wahl für den nächsten Urlaub. So weit ist das gar nicht mehr weg. Die paar Stunden Flug – mit einigen Umsteigestopps – sind besser zu verkraften als ein Nonstopflug nach zum Beispiel nach Indonesien.

Drei Autoren haben sich dem nahen Fernreiseziel Aserbaidschan angenommen. Philine von Oppeln, Frank Schüttig und Holger Kretzschmar sind unabhängig voneinander in das Land am Kaspischen Meer gereist und haben mehr als nur meterhohe Kaviartürme gesehen. Aber genossen haben sie diese trotzdem!

Die wohl bekannteste Stadt ist Baku, direkt am Kaspischen Meer. Nicht weil dort vor Jahren der ESC ausgerichtet wurde. Städte am Meer haben immer eine besondere Anziehungskraft. So auch Baku. Schrill glänzende Fassaden an futuristisch anmutenden Wolkenkratzern, gepaart mit ursprünglichen Märkten, auf denen das angeboten wird, was das Land und Meer hergeben. Sprachschwierigkeiten inklusive. Aber wie überall auf der Welt sind die mit einem freundlichen Lächeln, Händen und Füßen schnell aus der Welt geschafft.

Und zum Ausgleich, zur Erholung ab ins Hamam. Doch Vorsicht! Meist ist der Eintritt nur für Männer erlaubt. Frauen haben – zumindest im Ağa Mikayi, im Altstadt-Hamam von Baku nur montags und Freitag Eintritt. Muss man gesehen haben, da es eines der letzten typischen (und vor allem alten) Bäder der Hauptstadt ist. Das ist nur ein Tipp, den man beherzigen sollte, wenn man in Aserbaidschan reist, den man in den zahlreichen gelb unterlegten Artikeln findet. Sie sind das Salz in der Suppe – oder doch der Kaviar auf dem ohnehin schon reich gedeckten Infotisch dieses Reisebandes?!

Aserbaidschan ist ohne Zweifel ein Land, das es gilt erkundet zu werden. Fern genug, um richtig abzuschalten. Nah genug, um nicht tagelange Anreisen einzukalkulieren. Es gibt viel zu sehen, wofür man wissenskundige Erzähler braucht. Und vor Ort eine Reiseband, der einem auch die letzte Angst nimmt, in einer scheinbar fremden Welt sich sicher bewegen zu können. Dieser Reiseband erfüllt jeden Wunsch, auch wenn man ihn noch gar nicht kennt.

Südtirol und Trentino

Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, dass in Italien durchaus auch deutsch klingende Namen (von Orten) gebräuchlich sind, stellt sich ziemlich schnell ein ausgeprägtes Italienurlaubsglücksgefühl ein. Denn das weiche Bressanone klingt doch viel italienischer als das harte Brixen. Aber das sind nur Augenaufreißer, die sich schnell wieder verflüchtigen, wenn man erstmal in die beeindruckende Natur Südtirols eingetaucht ist.

Und um das auch wirklich ganz und gar erleben zu können, ist es wichtig zu wissen, was man sehen muss, und was auf gar keinen Fall verpassen darf. Gunnar Strunz ist hierfür der richtige Wegweiser und sein Reiseband „Südtriol Trentino“ das prall gefüllte Reisewissenspaket, das als Schwergewicht nicht zur Last fällt.

Die Regionen Vinschgau, Meran, Bozen, Eisacktal, Pustertal, Südtiroler Dolomiten und Trentino werden so ausführlich beschrieben, dass Scheitern oder gar Auslassen von wichtigen Sehnsuchtsorten ausgeschlossen wird. Auf über 500 Seiten – der Urlaub beginnt also schon viel früher vor dem Abflug – werden ausführlich und reich bebildert Orte vorgestellt, die man eventuell schon von so mancher Wintersportübertragung aus dem Fernsehen kennt oder aus vereinzelten Heimatfilmen. Vielleicht sind es ja sogar diese Filmausschnitte, die einem dazu brachten Südtirol und Trentino zu besuchen.

Endlose Wanderungen (die natürlich nicht endlos sind, sondern doch irgendwann enden müssen, auch wenn man es sich nicht wünscht) beispielsweise entlang des Avisio sind gespickt mit Zwischenhalten, um die Seele baumeln zu lassen und Augen und Beine zu entspannen. Man gelangt hier auch zum Lago di San Pellegrino. Eine Umrundung dauert nicht einmal eine halbe Stunde. Im Sprudelwasser kann man hier nicht baden, das ist lombardischen Ursprungs – da muss man sich schon rund drei Stunden ins Auto setzen und Richtung Südwesten fahren.

Wenn man doch motorisiert unterwegs ist, so sind sämtliche Hinweisschilder auf Italienisch und Deutsch verfasst. Wer weiß schon, dass Vipiteno auch als Sterzing bekannt ist?! Und je ländlicher es wird, kommt auch noch ladinisch hinzu. Eine Sprache, die stellenweise vertraut klingt, doch im Gegenzug schwer verständlich ist. Aber das gibt sich schnell, wenn man den empfohlenen Routen des Buches folgt man sich der Umgebung hingibt.

Dieser Reiseband ist ein Leisetreter. Kaum merklich wird man dazu verführt Südtirol, Trentino zu besuchen. Die Angst, sich hier zu verlieren, verschwindet hinter der Aufregung vor den unzähligen Abenteuern, die man hier noch erleben kann. Überraschungspaket mit Erlebnisgarantie.

Usedom und Wollin

Hier wird Europa Wirklichkeit. Wo bis vor wenigen Jahrzehnten Ost auf Ost traf, verbinden sich heute Osten und Westen auf ganz natürliche Weise. Von Peenemünde bis Dziwnów, von Bansin bis Wolin – Usedom hat schon lange fahrt aufgenommen und präsentiert sich wie eh und je als Sehnsuchtsort für alle, die schon viel von der Welt gesehen haben oder denen die Ostsee näher ist als die Karibik.

Usedom und Wollin – hier gibt’s so einiges im Doppelpack. So gibt es die Insel Usedom als auch die „Hauptstadt“ Usedom. An den nördlichen Ufern sonnt man sich an der Ostsee, im Süden an ruhigen Binnengewässern wie dem Stettiner Haff oder dem Achterwasser

Nur die Kaiserbäder, die gibt’s gleich dreimal. Ahlbeck, Bansin und das berühmte Heringsdorf. Ein Spaziergang entlang der eleganten, eindrucksvollen Villen mit Strandblick entlohnt für so manche Zeit im Stau auf dem Weg in die Sonne. Grażyna und Wolfgang Kling sind die stillen Flüsterer im Vordergrund, die dem Leser/Besucher Usedom und Wollin so nahe bringen, dass man sich schon bei Ankunft wie ein Einheimischer fühlt. Dabei achten sie besonders darauf, dass das Gleichgewicht zwischen dem Offensichtlichen und dem teils Verborgenen gewahrt bleibt.

Dieser Reiseband strotzt nur so vor Informationen. Blau unterlegte Infokästen sind die knackigen Antworten auf kurzfristige Fragen. Zahlreiche Karten erleichtern die Orientierung lassen das Handy dort, wo es im Urlaub hingehört, in der Tasche. Die gelb unterlegten Kästen sind unterhaltsame Wissenslückenfüller, die eine kurze (Lese-) Rast zur wissbegierigen Pause wandeln.

Hier ist alles drin, was diese beiden Inseln so unverwechselbar und so begehrt machen. Das begrenzte Übernachtungsangebot – und das ist gut so, denn wenn hier Bettenburgen die Sicht auf den Horizont versperren würden, wäre Usedom mit einem Mal wie leer gefegt – gepaart mit der Einsicht, dass es „gleich um die Ecke“ ein wahrhaftes Paradies gibt, sind das Pfund, mit die Doppelinsel wuchern kann.

Auf Usedom urlauben, hieß schon immer auf der Sonnenseite zu stehen. Ebenso auf Wollin. Ein Grenzübertritt, der sich gar nicht so anfühlt, ist das beste Zeichen für Zusammenhalt. Und so merkt man auch gar nicht, wenn man im nächsten Kapitel des Buches schon wieder in einem anderen Land ist.