Golf von Neapel mit Ischia, Capri, Sorrent, Amalfi

Man braucht schon starke Nerven für Neapel. Und eine große Portion Neugier. Leider auch an manchen Stellen starke Ellenbogen. Wer in der Via San Gregorio Armeno, der Straße der Krippenbauer am Nachmittag freie Sicht, freies Geleit oder auch nur ein paar freie Meter vermutet, wird ganz schnell auf den historischen harten Boden der Realität zurückgeholt. Aber trotzdem darauf verzichten? Um es auf den Nenner zu bringen: Der Genuss der Stadt wäre um ein Vielfaches geschmälert!

Neapel boomt, auch dank der so genannten Billigflieger. Ein langes Wochenende oder Tagesausflug aus der Umgebung oder doch ein längerer Urlaub – langweilig wird’s im Gewusel der Stadt garantiert nicht. Das weiß jeder, der schon einmal hier war und so mancher weiß die Tipps von Reisebuchautor Andreas Haller wertzuschätzen. Über vierhundert Seiten zu Neapel, Ischia, Sorrent, Capri und Amalfi sprechen eine deutliche Sprache. Immer wichtiger werden hier die zahlreichen Tipps, um so mancher Rippenprellung – die Ellenbogen der Anderen! – aus dem Weg zu gehen.

Der geflügelte Wort vom Übertourismus wird in dieser Region besonders sichtbar. Aber keine Angst, es findet sich massenhaft Wege, um den Massen aus dem Weg zu gehen. Manchmal läuft man sogar parallel zum Strom, ein anderes Mal gegen den selbigen. Wer die Tipps des Autors beispielsweise für Capri genau befolgt, sieht im besten Fall den Strom entgegen und genießt seinen caffè in relativer Ruhe.

Auch Neapel bietet unendlich viele Möglichkeiten die Schönheit der Stadt in Maßen genießen zu können. Nicht jeder Guide in der drittgrößten Stadt Italiens kennt diese Wege, Andreas Haller schon. Hat man sich erst einmal in das Buch eingelesen, kann man nicht wieder aufhören. Wo biegt man ab, um der Massen habhaft zu werden? Wo stellt man sich besser nicht an, wo kann man in der Schlange warten und wo lohnt sich jede Minute Wartezeit letztendlich doch? Dann, und nur dann, wird Neapel zu einem Happen Glück, den man mit Wenigen teilen muss. Nicht nur die jungen hochmotivierten Influencer, die mit ausgestrecktem Arm Ewigkeiten damit verbringen das zu kredenzen, was eh jeder kennt und jeder hinläuft, werden mit diesem Reiseband auf den richtigen Pfad geleitet.

Übertourismus ist in der Hauptsaison ein generelles Problem – von Capri bis in die elegantesten Cafés der Stadt, wo schon gekrönte Häupter sich lukullisch verwöhnen ließen. Die Sisi genoss ihr Veilcheneis ganz in der Nähe des Teatro San Carlo – und würde es sicher auch heute noch tun. Auch hier gilt antizyklisches Schlecken. Wer am Nachtmittag einen Fensterplatz mit Blick auf die Piazza Plebiscito ergattern will, braucht mehr Glück als Verstand. Und vor allem Geduld.

Als Besucher der Stadt ist man sowohl teil des Problems Übertourismus, aber eben auch Teil der Lösung. Der erste Schritt beginnt mit diesem Buch. Denn neben den Ausweichrouten und –zeiten, quillt dieser Reiseband über vor Tipps und Hintergrundgeschichten rund um eine Stadt, die seit Jahren an ihrem Image feilt und es das auch bravorös schafft.

L’Aperitivo Kalender 2027

Monatlich wechselndes Wasser-Im-Mund-Zusammenlaufen. Tägliche Vorfreude auf den Ausklang des Tages. Zenti- und Milliliterweise Urlaubsstimmung. So versüßt man sich gern die Aufbruchsstimmung bis man endlich in die Sonne fliehen kann. Wer es nicht länger aushält, wird nun zwölf Monate lang mit den köstlichsten Urlaubstagsausklangsgeistern so manch beschwingte Stunde erleben.

L’Aperitivo – das ist Lebenskunst, auch wenn hier und da der Aperitivo zur Touristenfalle ausartet. Eine Lebenskunst, die man ausgiebig genießt. Ausgiebig aber im Sinne von langzeitig, langsam, lang anhaltend. Denn ein Schlückchen in Ehren … Wenn das Jahr mit dem karibischen Drink schlechthin beginnt, kann es nur ein gutes Jahr werden. Ein Daiquiri Sour. Drei Zutaten – so wie fast alles Drinks – Rum, Limettensaft und Zuckersirup. Wenn er dann noch so stimmungsvoll präsentiert wird, steht der gediegenen Abendstimmung nichts im Weg. Der Jüngste unter den Drinks ist der Negroni. In den vergangenen paar Jahren hat er einen Aufschwung erlebt wie kaum ein Anderer. Man muss schon ein wenig Erfahrung mitbringen, um der bitteren Note etwas abgewinnen zu können. Erst recht, wenn man sich bisher „nur“ mit Mai Tai den Abend im wahrsten Sinne des Wortes versüßte.

Die geschmackvolle Darstellung von Gin Tonic, Margarita und anderen Drinks wie Limoncello – was verkörpert besser die Seele Italiens in flüssiger Form?! – sind zudem auch noch ein Augenschmaus.

Marco Marella gönnt dem Betrachter einen optischen Hochgenuss, der Appetit auf mehr macht. Stilvoll, fast schon nostalgisch zeigt er wie ein eleganter Aperitivo in Szene gesetzt werden muss. Da gibt es keine zwei Meinungen.

Im Schatten der Kraniche

Es ist kurz vor Ostern 1945. Der Ort: Sankt Margareten im Burgenland, genauer gesagt der Steinbruch. Der Krieg steht kurz vor dem Ende. Alles versinkt im Chaos, schlimmer als zuvor. Die Todesärsche nach Mauthausen, dem Konzentrationslager der braunen „Führungselite“, sind noch nicht lange her. Doch wer braucht noch Zwangsarbeiter, wenn eh alles bald schon vorbei ist?! Und so richten SS und andere willige Werkzeuge aus freien Stücken, aus Überzeugung oder Angst vor Verweigerung ein Massaker an, das bis heute nicht komplett aufgearbeitet ist. Mehrere Dutzend, vielleicht weit über hundert Gefangene, unter ihnen viele Juden und Roma werden in die Tiefen des Steinbruchs gejagt. Mit Steinen erschlagen. Wegen der vorrückenden alliierten Armeen ist keine Registrierung der Opfer mehr möglich- die Täter haben es eilig. Eilig zu entkommen, sich in einer möglichen neuen Ordnung anzubieten.

Das ist der historische Hintergrund, der Bernadette Némeths „Im Schatten der Kraniche“ zugrunde liegt. Sie stieß auf diese widerliche Szenerie bei Recherchen zu einem Reisebuch rund um den Neusiedler See.

Ida ist Schauspielerin. Zu Höherem berufen. Die große Bühne soll, muss, wird es sein. Am besten unter freiem Himmel. Doch ihr Aktionsradius ist – familienbedingt – eingeschränkt. So bleibt es wohl doch bei der versprochenen Rolle im heimatlichen Sankt Margareten. Die Rolle ist ihr quasi sicher. Sie hat die entsprechenden „Kontakte“ schon geknüpft…  Künstlerpech oder Wink des Schicksals? Die Stimme versagt. Ihr großer Auftritt, ihr großer Auf- und Durchbruch verschwindet hinter dicken Vorhängen der Ungewissheit.

Éva ist Jüdin, Ungarin, und hat bisher wenig Gutes in ihrem Leben erlebt. Sie ist schwanger – für die meisten ein Grund zur Freude. Nicht für Éva! Sie ist Jüdin und Ungarin. Und muss Zwangsarbeit verrichten. Schwanger! Bernadette Németh beschreibt eindrücklich und unbeirrt über das Leben zweier Frauen, die zu träumen wagen. Doch beiden wird ein Knüppel vor und zwischen die Beine gedroschen, dass ihre Träume wie eine Seifenblase zu zerplatzen drohen. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Eine verpasste Hauptrolle ist mitnichten mit dem Verlust des Lebens zu vergleichen. Doch zwischen Ida und Éva gibt es Gemeinsamkeiten, die es mehr als wert sind ans Tageslicht befördert zu werden …

Hier sind keine Helden am Werk, die männlich strotzend sich gegen das eine Übel oder mehrere Täter stemmen. Hier stehen fest im Glauben an das Bessere Heldinnen (ohne Gendersternchen oder großes I mitten im Wort) im Mittelpunkt, die bei fast jeder Geschichte aus der Geschichte der Mitte des 20. Jahrhunderts leiden, kämpfen, hoffen und das gern mit Lesern teilen. „Im Schatten der Kraniche“ bewegt auf jeder Seite. Und berührt alle, denen jegliche Missachtung von natürlichem Tun ein Dorn im Auge ist.

Schwimmen in der Tinte

So ein poetischer Titel – so traurige Geschichten, teilweise. Rumiana Ebert schreibt in ihren Geschichten von Menschen, die ihre Heimat verlassen, verlassen mussten, aus den unterschiedlichsten Gründen. Sie suchten ihr Heil in Deutschland und Österreich. Sie fanden Fremde, sehnten sich nach der Heimat. Sie fügten sich, fügten sich ein, nahmen teil – und waren doch nur selten Antriebsfeder. Und wenn doch, dann ist es nur ein kleiner Schritt zum wahren Glück…

So wie einer Familie aus Plovdiv. Die Mutter ist die treibende Kraft, die schon in den 50ern drängt Bulgarien zu verlassen. In Ungarn sind gerade die Aufstände niedergeschlagen worden. Sie selbst hat in München Germanistik studiert. Sie bringt ihren Kindern Deutsch bei, damit die Umgewöhnung später nicht so schwer fallen wird. Ihr Mann ist bei den neuen Machthabern in Ungnade gefallen. Als ehemaliger Offizier der royalen Armee vor und im Krieg hat man für ihn keine Verwendung mehr. Er ist suspekt! Und muss als Bauarbeiter einer Arbeit nachgehen, für die er sich vor seinen Kindern schämt. Die Mutter impft den Kindern ein niemandem – NIEMANDEM! – etwas davon zu erzählen, was zuhause gesprochen wird. Über Berlin, Ost-Berlin, soll die Flucht gelingen. Die durchlässige Grenze ist das Tor zur Freiheit. Sie freundet sich mit einer Frau an, die ihr auch prompt eine Einladung in die DDR schickt – so war das damals: Ohne Einladung auch ins sozialistische Bruderland brauchte man eine Einladung. Als „Pfand“ muss allerdings ihr Gatte in Bulgarien bleiben. Am 12. August 1961 landen sie in Ost-Berlin. Ein Tag ausruhen und dann ab in den Westen … am 13. August 1961. Die Geschichte mahnt zur Eile…

Wer im Meer badet, sieht eine Welt, die über dem Meeresspiegel sich noch ganz anders präsentiert. Taucht man unter, taucht man in eine andere Welt ein. Doch was ist, wenn unter Wasser die Aussichten trüb sind? Eine gelungenes Sprachbild, das Rumiana Ebert geschickt nutzt, um tiefsitzende Probleme von Flüchtlingen plastisch darzustellen. Das gilt bis heute!

Rührung

Gitte und Simon, das war, das ist, das war, das ist, das war, das war, das war, das ist, es wird nie wieder sein. Nie mehr wie zuvor, nie wie es hätte sein können. Ein Zeitungsartikel erregt Simons Aufmerksamkeit als er mit Dora in einem Restaurant sitzt. Und alles ist wieder da. Damals. Mit Gitte. Damals. Der Artikel setzt in ihm, dem Psychiater etwas in Gang, das lange eingeschlafen zu sein schien. Doch es ruhte nur.

Er und Gitte – kein Traumpaar. Dennoch immer zusammen. Allen Hindernissen zum Trotz – und es gab Berge von Hindernissen in ihrer Beziehung! – gab es stets ein Simon UND Gitte. Oft ging sie. und kehrte zurück. Oft, zu oft waren die beiden nicht mehr Simon UND Gitte. Und dann wieder doch.

Beide suchten sich professionellen Rat. Er begleitete sie zu ihren Sitzungen und sie ihn bei seinen. Wieder Simon UND Gitte. Doch irgendwann war dann doch mal Schluss! Kein Hickhack mehr um die Schuldfrage. Sie ging. Ihrer Wege. Er ging seiner Wege. Es ist lange her, fast schon vergessen. Doch die Intensität ihrer Beziehung lässt die Vergangenheit wohl für immer plastisch erscheinen. Greifbar – zum Greifen nah? Nein, das geht nicht mehr. Das weiß Simon. Denn Gitte ist tot! Vom Dach eines Hauses gestürzt. In Rumänien. Gitte kümmerte sich in Österreich um Flüchtlinge aus Rumänien und Bulgarien. Simon erkannte sofort das Bild in der Zeitung. Erkannte sie wieder. Gitte.

Seitdem ist er ein nachdenklicher Mensch geworden.

Es steht frei im Raum wie weit die Geschichte von Simon und Gitte Fiktion oder doch wahrgewordener Albtraum ist. Der Erzähler – vielleicht ist es der Autor selbst, denn er ist von Beruf Psychotherapeut – lässt den Leser am Seelenleben des Protagonisten – Simon – lebhaft teilhaben. Nicht immer sind dessen Gedankengänge auf Anhieb nachvollziehbar. Das wäre auch zu einfach. Schließlich braucht Simon, der ja selbst vom Fach ist, Hilfe. „Rührung – Ein Wagnis“ brennt sich ins Gedächtnis. Nicht wegen der ergänzenden Fußnoten, die ab und zu den Lesefluss zu unterbrechen scheinen, im Nachgang aber so dienlich sind, dass sie als unverzichtbar gelten. Man muss sich einlesen. Das Einlassen ist dann nur die logische Konsequenz. Und manch einer wird sich dieses Buch noch einmal zur Hand nehmen und vielleicht ganz andere Aspekte in der Seele von Simon entdecken, die ihm zuvor verborgen blieben…

Drei Frauen

Es ist wie der wahr gewordene Traum eines Politikers, der aus Alternativlosigkeit dem Volke ans Herz legt sich um sich selbst zu kümmern: Drei Frauen in einem Haus, die füreinander da sind – egal, was das Leben für sie parathält.

Doch so traumhaft ist die Konstellation dann doch nicht. Da ist zum Einen Gesuina. Ehemalige Schauspielerin, das Oberhaupt des Trios. Sie nimmt das Leben locker. Sie kann sich an der Schönheit des anderen Geschlechts ergötzen ohne zum äußersten zu gehen. Die Affäre mit dem jungen Bäcker ist quasi die logische Schlussfolgerung.

Zum Anderen ist da Maria. Übersetzerin, Literatur- und Kunstversessene. Sie verweigert sich ganz und gar der modernen Technik. Ein Handy kommt ihr nicht in den Alltag. Sie schreibt Briefe. An Francois. Ihrem Geliebten. Ihm klagt sie, ihm gesteht sie ihre Sehnsüchte. Maria ist die Tochter von Gesuina.

Und dann ist da noch Lori, Loredana. Tochter von Maria und somit Enkelin von Gesuina. Bald wird sie das Gymnasium beendet haben. Doch weiter reichen ihre Pläne nicht. Vielleicht mit Tulú. Doch da ist sie sich nicht ganz sicher. So wie sie überhaupt nicht sicher ist, was irgendwann mit ihr geschieht, was sie aus ihrem Leben machen kann und will.

Jede hat ihre Ansichten. Über das Leben, den Tag und die Anderen. Das Leben vergeht, die Tage verrinnen, die Anderen sind immer da. Langweilig wird’s bei ihnen nicht. Die Jüngste ist pikiert über das Verhalten der nonna, die Mittlere fühlt sich als Haushaltskraft missbraucht. Die Älteste beobachtet teils amüsiert das wilde und das trübe Treiben ihrer Mitbewohnerinnen, die nun aber auch ihre Familie sind.

Dann steht Francois auf der Matte. Wortwörtlich steht er auf dem Türvorleger und begehrt Einlass. Ein gutaussehender Mann. Das weiß Maria zu schätzen, den beiden Anderen bleibt dieser Fakt auch nicht unerkannt. Es ist kurz vor Weihnachten. Schon bald werden er und Maria zusammen in den Urlaub fahren. Es ist ja nur kurz, dass der Mann die drei Frauen aus ihrer Routine holt. Physisch gesehen stimmt das. Emotional ist er ein Tsunami. Und die Wellen werden hoch schlagen, werden so manches fest in der Erde gemauerte Dogma erschüttern und zum Einsturz bringen.

Dacia Maraini braucht keine Massen an Akteuren, um die Komplexität von Beziehungen darzustellen. Das Trio ist vollkommen ausreichend, um ein spannungsgeladenes Jahr zu präsentieren. Ein Jahr, das jeder der Drei in Erinnerung bleiben wird. Aus den unterschiedlichsten Gründen…

El Dorado Drive

Ist doch alles in bester Ordnung! Pams Sohn feiert seien Schulabschluss mit einer riesigen Party und einer nicht minder riesigeren Geldtorte. Der Filius ist sichtlich beeindruckt. Wenn er wüsste … wie es wirklich aussieht…

Grosse Point ist eine typische Kleinstadt nahe Detroit. Alle waren zusammen auf dem College, im selben Club, arbeiten gemeinsam in der gleichen Firma (Detroit = Motortown) – man kennt sich, beäugt sich. Der ganz normale Zwang sich mit kleinen Ausbrüchen von der Masse abzusetzen.

Und da sind sie nun Debra Bishop, Pam Bishop und Harper Bishop. Schwestern. Halten zusammen wie Pech und Schwefel. Und ihnen allen ist bei all der Unterschiedlichkeit gemeinsam: Ihre eigene heile Welt ist nicht in Ordnung. Und sie wird weiter bröckeln. Und wie! Das wissen sie aber noch nicht!

Denn Motown ist nur noch als Musiklabel ein Begriff, und selbst da bröckelt der Lack. Die einstige Autostadt Detroit verkommt, zerfällt – und mit ihr die Menschen. Pams Kinder kennen diese Phasen auch. Doch sie sind unbeschadet wieder rausgekommen. So wie ihr Sohn, der jetzt seinen Schulabschluss feiert. Seine kleine Schwester ist traurig. Bald wird er weg sein. Wer kümmert sich dann um sie? Wer hält sie davon ab wieder (!) abzudriften?

Debra und Pam sind tatenkräftiger als Harper, die Jüngste der Drei. Und vielleicht auch am leichtesten zu beeinflussen. Als die beiden Älteren aan Harper herantreten, um ihr eine Geschäftsidee zu unterbreiten, betreten sie fruchtbaren Boden. Endlich raus aus der Einöde. Endlich eine Befreiungsschlag, um dem stets präsenten Abgrund zu entrinnen – vielleicht sogar den american way leben. Und nicht nur träumen.

Für Harper ist es zunächst ein Traum. Denn sie hat die Welt von ganz unten gesehen, auf Augenhöhe. Ihre Verbindlichkeiten, um es mal ganz allgemein und nüchtern zu betrachten, kann sie nicht mehr bedienen. Sie sieht nur einen Ausweg: Flucht. Flucht vor denen, die ihr nicht vorhandenes Geld wollen. Flucht zur Familie – Debra und Pam. Sie staunt nicht schlecht. Während um sie herum alles den Bach runtergeht und einst stampfende Maschinen in rostige Industriedenkmäler diffundieren, stehen bei den beiden großen Schwestern die großen Autos nicht nur einfach so vor der Tür. Sie gehören den beiden! Fast schon hechelnd ist Harper extrem neugierig wie das geht. Zwei Worte: „The wheel“. Debra und Pam sind auf die Idee gekommen dem Ellenbogen-Kapitalismus der Nullerjahre in den USA Gemeinschaft und dollarige Träume entgegenzusetzen. Die traurige Wahrheit ist aber, dass noch nie einem Schneeballsystem dauerhaftes Glück beschieden war. Und so schlittern die drei Schwestern in eine Katastrophe gigantischen Ausmaßes – die Parallelen zum Spielort Detroit sind offensichtlich.

Megan Abbott nimmt sich Zeit. Hektische Bewegungen lässt sie in dieser angespannten Situation aus dem Spiel. Alles passiert „wie ganz natürlich“ – es musste ja so kommen. Könnte man spotten. Doch Spott ist nicht angebracht. Hier sind drei Frauen, die allesamt auf die Nase gefallen sind. Die Wunden wollen einfach nicht heilen. Und um sie herum eine Welt, die das Leid mit Lug und Trug immer weiter – wenn auch nicht dauerhaft – nach hinten verschieben kann. Ein großes Stück von diesem Kuchen, das wollen sie. Leider ist der Tortenheber zu klein und ihre Kuchengabel nicht spitz genug.

Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex

Dreharbeiten können auch richtig langweilig sein. Wenn nicht gerade gedreht wird, zupft man an den Hauptdarstellern herum, rückt alles wieder so her wie es vorher war, kontrolliert noch mal das Licht etc. Im Grunde genommen grottenlangweilig! Was macht man dann?! Herumsitzen, Text lernen, sich irgendwie ablenken. Oder man geht zum Seelenklempner. Ah, jetzt wird’s interessant! Schauspieler haben ja alle einen … Wunderbare Welt der Klischees.

Doch zu den Fakten. Es ist Juli 1956. Sir Laurence Oliver dreht einen Film in London. In manchen Filmdatenbanken wird er als Politdrama geführt. Für die Rolle der Tänzerin in „Der Prinz und die Tänzerin“ ist mit einer der berühmtesten – nein!, der berühmtesten – Schauspielerin dieser Zeit besetzt: Marilyn Monroe. MM mit mittlerweile drei M, denn sie ist seit Kurzem mit Arthur Miller verheiratet.

Während der drehfreien Zeit liegt sie auf der Couch. Und zwar bei keiner Geringeren als Anna Freud, der Tochter und mehr als Nachfolgerin ihres Vaters Sigmund. London ist seit knapp zwei Jahrzehnten ihre neue Heimat. Sie hat inzwischen die Praxis ihres berühmten Vaters in 20 Maresfield Gardens in Hampstead übernommen.

Da dachte man, dass man aus zahlreichen Büchern und unzähligen Reportagen und Dokumentationen die Monroe in- und auswendig kennt … und dann das! So ähnlich erging es Hektor Haarkötter (HH) als er in einer Radioreportage so ganz nebenbei erfuhr, dass MM bei der Freud auf der Couch lag. Und wahrscheinlich über Sex redete. Denn über die Gespräche liegt nicht nur der Mantel des vertraulichen Arzt-Patienten-Geheimnisses, sondern auch die Tatsache, dass es keinerlei Aufzeichnungen gibt. Was es jedoch gibt, sind Briefe und (Tage-)bücher. Und die sind – wenn man tiefgreifend sucht, voll mit Hinweisen zu den Sitzungen.

Wir haben es also mit einem halbbiographischen und halbfiktionalen Buch zu tun. Allen Unkenrufen zum Trotz, die nun meinen, dass das doch nicht werden kann, sei gesagt: Es ist geworden. Großartig geworden! Das Wort Gamechanger ist vielleicht zu hoch gegriffen, da die Fakten allesamt bekannt sind. Aber jetzt endlich zusammengeführt wurden.

Ja, Marilyn Monroe hatte Probleme. Und damit ist nicht ihr permanenter Drang zu spät zu kommen gemeint. Sie fühlte sich ihr Leben lang miss- zumindest falsch verstanden. Ihr Talent wurde nicht entsprechend gewürdigt. Fortlaufend wurde sie allein auf ihr Äußeres reduziert, was ja auch dank exzellenter chirurgischer Eingriffe sehr auffallend war. Konnte sie sich alles von der Seele reden? Wohl kaum! Denn es sind nur sieben Tage, die MM bei AF auf der Couch lag wie HH recherchiert hat. Auch über diesen Fakt – gab es Streit? – kann man nur spekulieren oder Schriften studieren.

Wer die Monroe für immer im Herzen trägt, für den ist dieses Buch eine Zwangsanschaffung. Wer sich als Cinematographen sieht, kommt einfach nicht an diesem Titel vorbei. Wer in der Psychoanalyse (Freudscher Prägung) mehr als nur den Drang zum Sex sieht und ein kleines Faible für Klatsch hat, wird hier ebenso vorzüglich bedient wie alles, die einfach nur ihren Horizont erweitern wollen. Ein aufsehenerregender Titel, der zwischen den Buchdeckeln hält, was außen versprochen wird.

Haltbarmachen – mit Genuss

„Und dabei ist doch alles so einfach…“, möchte man meinen. Und trotzdem ist es immer noch – oder schon wieder – ein Mysterium, dieses Haltbarmachen. Es ist ganz einfach. Schon die Oma hat fleißig in jeder Saison das eingekocht, was eben nicht zwölf Monate Saison hat. Hexenwerk ist was Anderes.

Nun gilt es aber auch das Haltbargemachte so lecker wie möglich zu gestalten. Sicher, von den zahllosen Fernsehköchen schnappt man ungewollt Begriffe wie Aromatiken, Umami, Balance etc. auf. Wie man die nun aber auf den Tisch bzw. ins Glas bekommt, ist in den meisten Fällen Routine, nicht selten auch Glück.

Mit diesem Buch fühlt man sich nicht mehr wie ein Schulkind, dem man eigentlich nichts mehr beibringen kann, und dass trotzdem immer wieder ins Grübeln gerät. Was passt denn nun zusammen? Welche Technik(en) muss ich anwenden, um auf absehbare Zeit immer noch Genuss tanken zu können?

Caroline Jahn lässt sich ganz tief in die Karten schauen. Was wird wie, wann und wie lange haltbar gemacht – Fragen, die man sich schon nach wenigen Leseseiten nicht mehr stellt. Ob Einkochen, Fermentieren, Einlegen oder Einfrieren oder Trocknen – alles ganz simpel und leicht nachzumachen. Ihre Anleitungen wichtig und leicht umsetzbar. Man braucht ja auch nicht viel. Topf, Wasser, Herd, Gefäße und jede Menge Inhalt. Ein paar Zutaten hier und da sind mehr als nur das Salz in der Suppe. Schon mal Essig und Natriumchlorid gemischt? Balsamicosalz ist ein Universalwürzmittel. Klingt aufregend, für einige vielleicht zu gewagt. Nachmachen! Es lohnt sich!

Für alle, die sich nicht entscheiden können, ob sie ein Süßmäulchen oder doch von herber Natur sind, empfiehlt sich Himbeersenf. Fünf Zutaten, die man ohne Aufwand und im Handumdrehen besorgen kann, sofern man sie nicht schon zuhause hat. Und ein bisschen Geduld.

Oliventapenade – das klingt doch schon nach Süden. Dazu noch Pistazien – jetzt gibt es keine Zweifel mehr, dass der Süden am heimischen Herd beginnt. Dass Zwiebeln immer ein Garant für umfassend Geshcmack sind, ist bekannt. Caroline Jahn setzt dem Ganzen noch die Krone auf, wenn sie sie einlegt. Nelken und Lorbeer, Salz, Essig und ein paar Senfkörner – fertig ist der Geschmacksverstärker, der ganz ohne E-Nummern aus dem Chemiebaukasten auskommt.

Dieses Buch wird ein treuer Begleiter sein, wenn es um gesundes Essen geht, das obendrein auch noch saulecker schmecken soll. Man muss nicht stundenlang in der Küche stehen oder ausgedehnte Einkaufstouren unternehmen, um die Zutaten zu besorgen. Einziger Knackpunkt könnte sein, dass man einfach nicht aufhören kann…

Mordsache Caesar

Es ist fast wie bei Chefinspektor Columbo: Opfer und Täter sind dem Zuschauer bekannt, nun fiebert man mit dem Ermittler mit wie er den Übeltäter ein Falle stellt, damit er sich selbst entlarvt. Shakespeare hat sich auch schon an dem Stoff versucht. Und Hollywood sowieso. Caesar ist tot, es lebe Caesar!

Nun muss ermittelt werden. Umfeldrecherche. Wer könnte ein Motiv haben. Und die Mittel und Möglichkeit. Wen könnte man da fragen?! Rex Harrison, John Gielgud, Alain Delon – die wurden alle als Julius Caesar ermordet. Sind aber ebenfalls schon tot. Vielleicht findet man auf den Gemälden von Camuccini, Gérôme oder Füger Hinweise auf die Täter, um sie zu überführen. Auf alle Fälle muss man weit zurückgehen, um zu erfahren wie es kurz vor Frühlingsanfang des Jahres 44 vor Christus zu diesem Meuchelmord kam. Dreiundzwanzig Stiche in den Körper des Diktators, der der Republik Rom mit einem Flussübertritt den Garaus machte. Das Motiv hätten wir also schon mal.

Ermittler und Autor Michael Sommer geht sogar noch weiter zurück. Lange bevor der kleine Julius das Licht der Welt erblickte, beginnt Michael Sommer seine Recherchen. Er lässt sich dabei nicht – wie heutzutage bei Commissarios und Lieutenants etc. üblich – durch ellenlange Kochexzesse von seinem Vorhaben ablenken. Er ist klar fokussiert und schreitet systematisch voran. Die Tatverdächtigen stehen allesamt an der Wand der Neugier. Penibel untersucht Michael Sommer jeden noch so kleinen Hinweis. Und er behält auch die gesamtgesellschaftliche Lage im Blick. Denn hier liegt der Hase im Pfeffer.

Klingt alles ziemlich oberflächlich und wenig wissenschaftlich. Ist es aber nicht! Ja, Michael Sommer bedient sich einer lockeren Sprache. Warum soll er bierernst einmal mehr die Fakten auf den Tisch legen und ein weiteres Mal neu zusammensetzen. Der blutüberströmte Leichnam ist bekannt. Ebenso die Täter. Wer jedoch mit wem koalierte, und vor allem warum – das wird immer wieder vergessen. Quizshowfragen zu diesem Thema sind echte Gefahrenquellen, weil im Laufe der Jahrhunderte die Tat immer wieder effekthascherisch umgedeutet bzw. umgeschrieben wurde.

„Die letzten Tage des Diktators“ mit dem blutverschmierten Lorbeerkranz auf dem Titel lässt eine Zeit noch einmal auferstehen, die es verdient aller Missverständnisse ein für allemal bereinigt zu werden. Landkarten, historische Abbildungen, ein Stammbaum dabei willkommene Hilfsmittel, um dem spannendsten Mordfall der Geschichte den Staub von der Toga zu pusten und endlich alles Wahre zu einem ehrlichen Bild zusammenzufügen. Und das alles mit der Galanterie eines echten Gentleman-Ermittlers.