Man braucht schon starke Nerven für Neapel. Und eine große Portion Neugier. Leider auch an manchen Stellen starke Ellenbogen. Wer in der Via San Gregorio Armeno, der Straße der Krippenbauer am Nachmittag freie Sicht, freies Geleit oder auch nur ein paar freie Meter vermutet, wird ganz schnell auf den historischen harten Boden der Realität zurückgeholt. Aber trotzdem darauf verzichten? Um es auf den Nenner zu bringen: Der Genuss der Stadt wäre um ein Vielfaches geschmälert!
Neapel boomt, auch dank der so genannten Billigflieger. Ein langes Wochenende oder Tagesausflug aus der Umgebung oder doch ein längerer Urlaub – langweilig wird’s im Gewusel der Stadt garantiert nicht. Das weiß jeder, der schon einmal hier war und so mancher weiß die Tipps von Reisebuchautor Andreas Haller wertzuschätzen. Über vierhundert Seiten zu Neapel, Ischia, Sorrent, Capri und Amalfi sprechen eine deutliche Sprache. Immer wichtiger werden hier die zahlreichen Tipps, um so mancher Rippenprellung – die Ellenbogen der Anderen! – aus dem Weg zu gehen.
Der geflügelte Wort vom Übertourismus wird in dieser Region besonders sichtbar. Aber keine Angst, es findet sich massenhaft Wege, um den Massen aus dem Weg zu gehen. Manchmal läuft man sogar parallel zum Strom, ein anderes Mal gegen den selbigen. Wer die Tipps des Autors beispielsweise für Capri genau befolgt, sieht im besten Fall den Strom entgegen und genießt seinen caffè in relativer Ruhe.
Auch Neapel bietet unendlich viele Möglichkeiten die Schönheit der Stadt in Maßen genießen zu können. Nicht jeder Guide in der drittgrößten Stadt Italiens kennt diese Wege, Andreas Haller schon. Hat man sich erst einmal in das Buch eingelesen, kann man nicht wieder aufhören. Wo biegt man ab, um der Massen habhaft zu werden? Wo stellt man sich besser nicht an, wo kann man in der Schlange warten und wo lohnt sich jede Minute Wartezeit letztendlich doch? Dann, und nur dann, wird Neapel zu einem Happen Glück, den man mit Wenigen teilen muss. Nicht nur die jungen hochmotivierten Influencer, die mit ausgestrecktem Arm Ewigkeiten damit verbringen das zu kredenzen, was eh jeder kennt und jeder hinläuft, werden mit diesem Reiseband auf den richtigen Pfad geleitet.
Übertourismus ist in der Hauptsaison ein generelles Problem – von Capri bis in die elegantesten Cafés der Stadt, wo schon gekrönte Häupter sich lukullisch verwöhnen ließen. Die Sisi genoss ihr Veilcheneis ganz in der Nähe des Teatro San Carlo – und würde es sicher auch heute noch tun. Auch hier gilt antizyklisches Schlecken. Wer am Nachtmittag einen Fensterplatz mit Blick auf die Piazza Plebiscito ergattern will, braucht mehr Glück als Verstand. Und vor allem Geduld.
Als Besucher der Stadt ist man sowohl teil des Problems Übertourismus, aber eben auch Teil der Lösung. Der erste Schritt beginnt mit diesem Buch. Denn neben den Ausweichrouten und –zeiten, quillt dieser Reiseband über vor Tipps und Hintergrundgeschichten rund um eine Stadt, die seit Jahren an ihrem Image feilt und es das auch bravorös schafft.









