Die Pause ist vorbei

Diese kleine unerbittliche Kugel aus Metall, die unaufhörlich auf die ebenfalls metallene Glocke scheppert. Der Klang durchdringt Mark und Knochen. Jetzt geht’s weiter – womit auch immer. Die Pause ist vorbei! Marcello Gori stört die Glocke schon lange nicht mehr. Er studiert und studiert und studiert. Hat schon fast eine Inventarnummer. Doch irgendwann ist der Klang der Glocke nun mal auch ein Fanal für den Aufbruch zu neuen Ufern. Neu – klingt schrecklich! Es ist doch alles so wunderbar! Die Bar von Papa zu übernehmen? Niemals. Schließlich studiert er. Er weiß bis heute nicht wie es dazu kam. Nun gut. Das neue Jahr beginnt, der Bart kommt ab, das Dissertationsthema hat er im Kopf. Sogar drei Themen kann er Professore Sacrosanti vorweisen. Doch der holt den Langzeitstudenten elegant und wortgewandt – schließlich ist er Professor für Literatur – auf den harten Steinboden der ehrwürdigen Universitätsrealität zurück. Das, was Marcello vorhat, ist ehrenrührig. Doch eher was für das Spätwerk eines Wissenschaftlers. Er solle sich auf einen Autor beziehen, ihn genauestens untersuchen, vielleicht sogar eine verschollene Schrift entdecken. Der Professore hat da sogar schon eine Idee. Tito Sella. Klar doch, den kennt Marcello – kennt er nicht! Er komme auch aus Viareggio – so wie der Autor dieses Buches, Dario Ferrari. Das wäre doch was für Marcello. Kurz bei Wikipedia reingeschaut: Tito Sella, Terrorist, tot, seit fast zwanzig Jahren. Der Bart ist ab, die Zukunft wartet, und ist in etwa so trostlos wie eine mögliche Zukunft in der Bar von Papa.

Das metallene Läuten dröhnt im Schädel und wird wohl nicht so schnell verhallen. Denn das Thema über den Schriftsteller (und Terroristen, und mutmaßlichen Mörder!) hat es in sich. So wenig über ihn bekannt zu sein scheint, umso ertragreicher sind die Recherchen für Marcello, der sich über sich selbst wundert. Denn so akribisch, teils verbissen, hat er noch nie gearbeitet. Und es macht sogar Spaß! Hui, die Pause – die Lebenspause, Arbeitspause – scheint wirklich vorbei zu sein. Und das Dröhnen kommt nun von ganz anderer Seite.

Auch das Verhältnis zu seinem Doktorvater bekommt mit einem Mal ganz andere Züge. Der ist vielleicht neugierig! Und das mit Grund…

Dario Ferrari rast nicht mit überirdischer Geschwindigkeit durch das fiktive Leben des Langzeitstudenten Marcello, auch nicht durch das Leben von Tito Sella. Alles Fiktion! Das ist wichtig! Vielmehr streichelt er behutsam, doch unnachgiebig das Gaspedal, um die schwierigsten Kurven mit Rasanz und Vorsicht zu nehmen. Zwischengas und Kupplungsspiel sind in „Die Pause ist vorbei“ elegant ausbalanciert, ein Ausbrechen nach links oder rechts oder gar eine komplette Drehung wird dank behutsamen Eingreifen des Protagonisten, vermieden. Wenn Realität und Fiktion verschwimmen, entstehen Bilder, die sich einem einprägen. Und so wird es diesem Buch auch ergehen! Buonissimo!

Der Horizont der Nacht

Durch Bari zu streifen und sich nicht ablenken zu lassen von all der Pracht in den Auslagen, der Brise, die vom Meer herrührt, in den engen Straßen nicht dem Zauber der Architektur zu erliegen – schwierig. Für Avvocado Guido Guerreri ist Bari die Stadt, in der er lebt. In der er arbeitet. Die ihm so viel gibt und auch viel genommen hat. Ein Freund bittet ihn um einen Gefallen. Er solle zuhören, was Elvira Castell zu berichten hat. Treffpunkt ist die Buchhandlung, die nur nachts geöffnet hat. Ein Trick des Besitzers der Schlaflosigkeit ein Schnippchen zu schlagen. Elvira Castell hat Giovanni Petacci ermordet. Das steht so fest wie das Amen in der Kirche. Pistole – Schuss – Blut – Tod. So einfach ist das! Jetzt gilt es die gesamte Gnade des Gesetzes angedeihen zu lassen. Denn: Elvira Castell wollte eigentlich mit Petacci reden, ihn aus der Wohnung (die mittlerweile ihr gehört) zu schmeißen. Das hat einen ganz bestimmten Grund. Bis vor kurzer zeit gehörte die Wohnung Elena. Elena Castell, Elviras Zwillingsschwester. Sie nahm sich das Leben. Mit verdammt großer Wahrscheinlichkeit wegen Petacci. Ein unangenehmer Zeitgenosse, der mit Tricks und fiesen Spielchen sich durchs Leben mogelte. Gewalt in jeglicher Form war ihm als Mittel recht. Nun ja, es kam wie es kommen musste…

Als Anwalt muss er Elvira raten sich zu stellen. Denn nur so kann Recht gesprochen werden und hoffentlich der Gerechtigkeit genüge getan werden. Und die bald schon Angeklagte kann sich keinen besseren Rechtsvertrter wünschen als Avvocado Guido Guerrini. Ein versierter Anwalt, der mit allen Wassern gewaschen ist ohne dabei Rechtsbeugung zu begehen. Das Problem ist nur: Er ist mitten in einer fetten Lebenskrise! Seine Frau hat ihn schon vor Jahren verlassen, seine Freundin soeben erst. Und die Moral seines Berufsstandes gibt ihm immer häufiger zu denken. Seine Klienten sowieso. Der Sinn des Lebens bzw. die Sinnsuche danach rückt ihm immer öfter in den Fokus. Er sucht Rat bei Freunden, bei Psychologen. Die Antworten sind nicht universell, eher Ausgangspunkte für eigene Erkenntnisse. Und dann sind da noch immer wieder neue Indizien, die den Fall der Elvira Castell in scheinbar immer neues Licht tauchen. Hoffnungsschimmer oder Blendgranaten, deren Ursprung er nicht erkennen kann oder soll?

Sinnsuche oder Justizskandal? Nein, das ist hier nicht die Frage! Gianrico Carofiglio taucht seinen Protagonisten immer wieder tief in die eigenen Untiefen. Der Blick wird nicht selten klarer. Doch was diese Erkenntnisse bedeuten – das erforscht er zusammen mit dem Leser. Im Nu ist man in einer Sinnsuche gefangen, die ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit viele Antworten gibt. Mann (Guerrini) muss sie nur als solche erkennen. Wieder einmal beweist Gianrico Carofiglio sein Gespür für verzwickte Lebenssituationen, die ausweglos erscheinen und trotzdem viel Licht ins Dunkel bringen.

Spuk

Das Ende des Buches: Ein Fragezeichen. Und an viertletzter Stelle die Wahrheit. Lässt viel Raum für Spekulationen, eventuell für eine Fortsetzung. Tja, an alle, die gern Bücher am Ende beginnen – in diesem Fall lasst Ihr Euch ordentlich aufs Glatteis führen.

Glatteis kennt Frank nur aus seinen Erinnerungen. Er ist Privatdetektiv in Tucson, Arizona. Eis kennt man hier nur aus der Tiefkühltruhe. Auch im Jahr 1952. Die Hitze brennt jeden Gedanken aus der Rübe. Der Schweiß presst sich aus jeder Pore. Frank hat es – geschafft wäre wohl zu viel des Guten. Er hat es geschafft dem dunklen Europa zu entkommen. Dem Europa, das nach dem Ersten Weltkrieg in Depression verfiel, später im Rausch sich neue Götter suchte.

Er ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mehr schlecht als recht windet er sich durchs Leben. Gerade hat er einen Auftrag bekommen, der wie für ihn geschaffen ist. Die Gewerkschaften werden immer mächtiger. Das ist für Firmenbesitzer gefährlich. Denn, wenn die Arbeiter Forderungen stellen, nicht arbeiten, aufmüpfig werden, stagniert alles. Und Frank i st der ideale Spion, um sich in ihre Reihen einzugliedern und zu schauen, was Sache ist. Frank, ein Lausebengel, ein windiger Kauz, fast schon als gewissenlos zu bezeichnender Aal, der überall mit allem durchkommt. Und er kann schweigen!

Doch die Ermittlungen sind zäh. Ein Whiskey in einer Bar, ein in sich gekehrtes Seufzen, eine Zeitung und … was ist das? Mit einem lethargischen Glockenschlag (nur bei Frank gibt es so was wirklich!) bröckelt seine gleichgültige Fassade. Carl Tanzer ist tot. Man hat ihn gefunden. Und schon setzt sich die mächtige Hirnerinnerungsmaschine in Gang. Damals, vor ein paar Jahren, in Florida, Zephyrhills. Tanzer war kein Unbekannter. Und noch früher. Damals, Kalifornien, LA, er und Fred. Als Polizisten konnten sie selbst dem Teufel noch einen Dreizack andrehen. Krumme Hunde, die krumme Dinger drehten, ohne sich dabei krümmen zu müssen. Wow, so einen Motivationsschub hat Frank lange nicht mehr gehabt. Seit ungefähr … na ja, wann wird es gewesen sein? Kurz nach dem Krieg, in Eisenerz, Steiermark, Österreich. Dort, wo Frank seine Wurzeln hat. War ’ne wilde Zeit. Eine gefährliche Zeit. So gefährlich, dass Frank … irgendeinen Grund muss es ja gegeben haben, warum er nicht mehr in den Bergen einer geregelten Arbeit nachgeht, sondern in den Weiten der Neuen Welt sein Glück versuchte…

Florian Dietmaier kreiert einen Spannungsbogen, der zeitlich mehr als ein Vierteljahrhundert umfasst. Und zum Teil auf Tatsachen beruht. Ab der ersten Seite setzt sich beim Leser eine Gedankenspirale in Gang, die jedes Perpetuum mobile in den Schatten stellt. Die Zeitsprünge fordern Aufmerksamkeit und belohnen mit frischen Erkenntnissen, die die dunkle Welt dieses exzellenten Noirs fast schon wie beim Wein eine fruchtige Note verleihen. Und ein Schluck (noch eine Seite) und noch ein Schluck (noch eine Seite) … mmh … vollmundig. Fast könnte man das Buch auch ins Weinregal stellen!

Paris Wissenswertes und Kurioses – 55 erstaunliche Fakten

Wer mit Informationen voll ausgestattet nach Paris reisen will, muss fürs Extragepäck zahlen. Die Flut an Büchern ist schier unendlich. Und verständlich! Schließlich will man diese faszinierende Stadt auch mit allen Sinnen und komplett aufsaugen. Aber ganz ehrlich: Das ist unmöglich mit einer Reise zu schaffen, auch wenn das Verkehrssystem in Paris es rein zeitlich zulassen würde.

Seit einigen Jahren ist es chic sich mit dem Rad fortzubewegen. Dafür stehen tausende Leihräder zur Verfügung. Aber auch rund zehn Prozent davon müssen täglich(!) repariert werden. Und rund fünf Prozent werden erst gar nicht wieder zurückgegeben.

Weitaus berühmter ist die Metro und ihre kunstvoll gestalteten Metrostationen. Dabei galten sie vor einhundert Jahren, als man begann sie im Jugendstil zu errichten als altmodisch. Apropos Mode. Paris ohne Mode? Geht nicht. Den Grundstein dafür legte übrigens ein … Engländer.

Fünfundfünfzig Fakten, die nicht zwingend erforderlich sind, um Paris zu erkunden, jedoch jeden Spaziergang zu einem besonderen Erlebnis machen, sind in diesem Leichtgewicht versammelt. Es passt in jede Tasche, ist dank des Harteinbandes schnell zur Hand und sorgt Seite für Seite für ein Aha oder Oh lala. Das reicht vom Baguette (die Entstehungsgeschichte ist spannender als man denkt) über Geisterbahnhöfe bis hin zu Fakten, die ein wenig von der überbordenden Pracht der Stadt ablenken (für diejenigen, die ab und zu doch mal zu viel von der Schönheit der Stadt bekommen).

Die liebe volle und ansprechende Gestaltung des Buches führt dazu, dass man es immer wieder aus der Tasche zieht und sich mit scheinbaren Nebensächlichkeiten den Rundgang versüßt. Manchmal erschrickt man doch: Paris ohne Eiffelturm. Das war mal der Plan. Er sollte kurz nach der Weltausstellung 1889 abgerissen werden. Raten Sie mal wie hoch wäre der Stahlrest, wenn er auf der Grundfläche zusammengeschmolzen zur Besichtigung angeboten wäre! Es ist weniger als man denkt…

In diesem Buch hingegen steckt mehr als es das Ausmaß des Buches vermuten lässt.

Wer verliert gewinnt

Als Richard von der Arbeit an den Schmelzöfen nach Hause kommt, sieht schon von Weitem, dass im Diner, das er und seine Frau Lois besitzen kein Licht brennt. Ihm schwant Böses. Sicher liegt irgendwo ein Zettel. Es soll für eine sehr lange Zeit das letzte Mal sein, dass er recht behält. Sie, Lois, ist weg. Dickie, sein Sohn, auch. Ab nach Kalifornien, nach Hollywood. Sie ist verrückt danach.

Alte Fußballerweisheit: „Haste Sch… am Hacken, haste Sch… am Hacken“. Und jetzt beginnt eine ruhelose Reise. Von Oklahoma nach Kalifornien. Klar, Richard will Dickie wiedersehen. Ihn wiederhaben. Und Lois eventuell auch. Der Trip im Waggon, selbst Viecher reisen komfortabler, entwickelt sich zum Albtraum. Jeder mit ein paar Muskeln und weißer Hautfarbe – es ist die Zeit der Depression, Ende 30er Jahre des 20ten Jahrhunderts – malträtiert diejenigen, denen eines dieser Attribute fehlt. Am schlimmsten trifft es die, denen beides fehlt. Und unterwegs sorgen die staatlichen Organe dafür, dass nicht zu viel Platz im Wagen bleibt.

In Kalifornien trifft Richard auf so manches Pack. Zum Einen die Verwandte, die Lois aufgenommen hat(te). Ein hinterhältiges Biest, das die Polizei ruft. Richard ist wieder on the road. Ein Regisseur – juchhu, wir sind Kalifornien! – ist wohl der einzige, der Richard halbwegs so was wie den Glauben an Licht am Ende des ewig dunklen Tunnels geben könnte. Ein Ganove hat einen todsicheren Plan um an Geld zu kommen. Richard zögert, zweifelt, hat aber schon eine stattliche Anzahlung bekommen – es geht schief, was schief gehen kann. In den Zeitungen wird dann ebenso gelogen wie auf den Straßen betrogen wird. Selbst das zufällige Glück bei einer Frau unterzukommen, erweist sich alsbald als Trugbild. Und von Dickie keine Spur. Die Taschen leer. Desillusioniert streift Richard durch das Land, das so viel verheißt, jedoch in Wahrheit ein Sündenpfuhl voller Schlaglöcher ist, deren Grund man nicht sehen kann.

Immer wieder tappt man beim Lesen in die selbst gestellte Falle vermeintlich zu wissen, was auf den folgenden Seiten passiert. Und schon schnappt die Bärenfalle zu! Ströme schamhaften Blutes ergießen sich vor dem geistigen Auge. Wieder mal aufs falsche Pferd gesetzt. Genauso geht es Richard! Und der Typ mit der Kerze am Ende des Tunnels – der bekommt auch noch sein Fett ab!

Richard Hallas hat nur einen Noir geschrieben, auch wenn es diesen Begriff bei Erscheinen noch nicht gab bzw. er noch nicht anerkannt wurde. Und der war ein Erfolg. Dann verschollen, und nun in deutscher Übersetzung (aus dem Jahr 1944, in der Schweiz erschienen) endlich wieder zugängig. Anna Katharina Rehmann-Salten war für die Übersetzung verantwortlich. Und jetzt kommt der eigentliche Knüller: Sie, die Übersetzerin verwaltete den Nachlass vom Schöpfer von „Bambi“. Er, Richard Hallas, eigentlich Eric Knight, ist der Schöpfer von „Lassie“. Und dann so was Düsteres, Dunkles, Hoffnungsloses?! Man setzt oft auf Schwarz, und dann kommt Rot. Wer sagt eigentlich, dass das schlecht sein muss?

Götter und Tiere

Wenn jemand im strömenden Regen auf der Bordsteinkante sitzt, muss ihm etwas widerfahren sein, das ihn das Drumherum derart egal erscheinen und Anderen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Glasgow im Regen ist wahrlich kein Platz zum Ausruhen. Martin heißt der Mann, im Arm – genauer gesagt an seine Brust geklammert – ein kleiner Junge. Regungslos lassen ihn seine spärlichen Kräfte an Martin festhalten. Mehr Halt gibt es für ihn in diesem Moment nicht. Und Martin sinniert über das, was soeben passiert ist.

Ein Raubüberfall. In der Postfiliale. AK 47. Der Großvater des Jungen erhebt sich mit einem Mal und … steht nicht minder überraschend auf einmal auf der Seite … ja, auf welcher Seite eigentlich? Der, der AK 47? Des Räubers mit der weltbekannten Knarre? Es bekommt ihm nicht. Der Opa ist tot. Der kleine Junge sitzt wenig vor dem Regen beschützt auf dem Bordstein, klammert sich an Martin. So düster die Szenerie, so undurchsichtig das, was vor wenigen Minuten passiert ist.

Detective Sergeant Alex Morrow und ihr Partner Detective Constable Harris stehen vor einem Haufen voller Scherben, in denen so manches fehlgeleitete Licht Ecken Glasgows erleuchtet, die vor Düsternis nur so strotzen.

Denise Mina zeigt die dunkle Fratze Glasgows in ihrer perfidesten Form. Politiker, die sich an keinerlei Spielregeln halten. Gangster, die sich von Berufs wegen nicht an Regeln halten (können, wollen, sollen, dürfen). Und zwischendrin die Polizisten, die tagein, tagaus ihren Kopf hinhalten, damit das alles auch schön so bleibt.

DS Morrow und DC Harris kennen diese Spielchen. Sie kennen auch so manchen Hitzkopf und machen sich dessen Wissen zunutze. Genug, um voranzukommen, nicht  zu viel, um sich abhängig zu machen. Es ist ein steter Kampf um Loyalität und Erfolg.

„Götter und Tiere“ reißt den Leser aus dem Anfangseinlesen mit expliziten Beschreibungen wie hart das Leben ist, kennt man keine Regeln. Denise Mina schafft trotzdem eine angenehme, fast schon wohlige Atmosphäre, in der man sich sicher fühlt. Mitgefühl und knallharte Faktenlage verwebt sie derart gekonnt, dass man gar nicht merkt wie tief man selbst im Dickicht der Fälle gefangen ist. So muss ein Krimi sein!

Tage im August

Das wird ihr Sommer! Anna ist vierzehn (im italienischen Original ist die Vierzehn, die Autorin bat darum in der deutschen Übersetzung ihr Alter anzupassen) und verbringt ihr Leben in einem Nonneninternat. Doch nun stehen Papa und ihr Bruder vor dem Tor und holen sie ab. Savoia, Badeort vor den Toren Roms ist das Ziel ihrer Träume.

Papa ist ganz aufgekratzt. Denn auch die zweite Mama wird da sein. Was Annuccia, wie sie liebevoll auch genannt wird, und ihren Bruder nicht gerade in Verzückung geraten lässt. Denn die zweite Mama ist streng, hart, fast schon gefühllos. So kommt es den beiden Teenagern vor.

Ab und an dröhnen über ihren Köpfen die Kampfgeschwader der Alliierten, es ist Sommer 1943 und in der Welt herrscht Krieg. Lapidare Wünsche verpuffen in der Gischt des rauschenden Meeres. Nicht unentdeckt bleiben die gierigen Blicke der Männer – jedweden Alters. Anna sieht sich in einem Spießrutenlauf wieder, dem sie nicht entkommen kann. Anzügliche Bemerkungen wischt sie beiseite. Das Antatschen ist bedeutend unangenehmer. Sie weiß sich aber nicht zu wehren.

Sie ist in erster Linie froh dem strengen Reglement und Regiment der Nonnen für eine zeitlich begrenzte Weile entkommen zu sein. Es gibt Eis, Papa ist liebevoll, ihr Bruder ist immer an ihrer Seite. Selbst der Krieg um sie herum scheint für die Ferienzeit zu pausieren. Anna ist hungrig. Hungrig nach dem Leben. Das Kind Anna war einmal. Ohne es laut auszusprechen, beginnt Anna sich wie eine Frau benehmen zu wollen. Sie weiß gar nicht, was das bedeutet. Umso bedeutsamer ist es auf eigenen Beinen die ersten wackligen Schritte zu unternehmen.

Doch so mancher Erwachsener (maskulin) sieht in ihr mehr … als das junge Mädchen, das die Welt erkunden will. Und sei diese Welt am Strand von Savoia auch schon geographisch am Ende…

Dacia Maraini legte mit „Tage im August“ ein furioses Debüt hin. 1962 war das. Seitdem ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen. Viel Zeit für Veränderungen. Begriffe wie Emanzipation und Selbstverwirklichung sind in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. Die Thematik ist immer noch eine Problematik. Zu junge Mädchen, zu alte Männer, zu viel von all dem, was nicht gut ist im Miteinander. Und das ist nur die Oberfläche, an der dieser Roman zuerst kratzt und im Laufe immer tiefer in Fleisch ritzt. Ferragosto, spiaggia vacanza, gelato, dolce vita – si!, mehr davon. Für Annuccia, wird es ein Sommer, der sie prägen wird.

Dacia Maraini verarbeitet in diesem Roman einen Teil ihrer eigenen Jugend, ihrer Erfahrungen im heimischen Palermo und am Badeort Mondello. Da sie während des Schreibens in Rom lebte, verfrachtete sie die Handlung in die Nähe der Hauptstadt. Was allerdings für die Geschichte an sich keine Rolle spielt. Bis heute ist „Tage im August“ aktuell und immer wieder lesenswert.

Stadtluft Dresden, Nr. 10

Was waren das für Tage im Mai 2014! Ganz Madrid lag unter einer Bengalo-Glocke. Real Madrid hatte soeben zum zehnten Mal die Champions League (inkl. der Vorgänger-Turniere) gewonnen. „La Décima“ wurde zum Volksfest und zum geflügelten Wort, zu einer Marke. Ganz so euphorisch lassen sich die Macher der  „Stadtluft Dresden“ nicht feiern. Grund hätten sie allerdings dazu.

Zum zehnten Mal erscheint nun die „Stadtluft“. Ein Bookzin, kein Magazin, ein Bookzin. Literarisch, investigativ, lesenswert. Und dieses Mal mit einem Rundumschlag für und mit Dresden. Selbst Außerdresdner dürfen hier schreiben, was ihnen an Dresden nicht zwingend die Euphorie in die Knochen treibt. Poetry-Slammer und Comedy-Autor André Herrmann setzt den Unzulänglichkeiten der Stadt eine qualvoll-stimmgewaltiges Denkmal – die Carolabrücke, die vor Kurzem erst aufwendig saniert wurde, brach später wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ein gefundenes Fressen für Spötter, Hauptmahlzeit für Comedy-Schwergewichte.

Verleger Michael Faber (aus Leipzig!) sieht sich in einer nicht ganz realen Gerichtsverhandlung, der er sich stellen muss. Denn es geht um ihn, seinen Vater, sein Erbe. Una Giesecke schwärmt für den Schilli, den Schillerplatz, und macht stante pede dem Leser Lust, mehr als nur einen Fuß ins das Viertel zu setzen. Wehmütig blickt Jens Wonneberger auf seine Studentenzeit in Dresden zurück und wirft einen eindrucksvollen Lichtstrahl auf die urbane Baracke, die schon fast ein Sinnbild für die Stadt einmal war. Und wenn Schokolade glücklich macht – was macht dann ein Artikel über die Dresdner Schokoladentradition (hier wurde einst ein Drittel der kompletten deutschen Produktion hergestellt!) mit dem Leser?! Er setzt Lesespeck an. Lecker, anhaltend und tut überhaupt nicht weh, oder gar leid. Charlotte Gneuß, Literaturpreisträgerin und Dresdner Stadtschreiberin 2024, reist einhundert Jahre zurück. In ein Dresden, dass vibriert, glüht, elegantiert, lehrt, Gaststätte für die Großen der Zunft ist, aber auch ein brauner Sumpf ist. Ihre Schlaglichter brennen sich wie Bengalos ins Gedächtnis.

Zehn Jahre sind ein Grund zum Feiern. Die Einen lassen den Himmel verschwinden. Die Anderen strahlen wie ein Honigkuchenpferd und sind stolz auf dieses literarisch einzigartige Jahrzehnt. Zurecht! Die zehnte Ausgabe der Stadtluft brilliert von der ersten bis zur letzten Seite.

Nie eine langweilige Zeile

Kurzgeschichten sind die Königsdisziplin der Literatur. Auf wenigen Seiten das erzählen, wo Andere sich episch auslassen (was natürlich aus seinen Reiz hat!). Unnützes Beiwerk fliegt raus, die Essenz der Geschichte hat nun die dankbare Aufgabe den Leser zu fesseln. In der Kürze liegt die Würze. Ein Meister dieses (seines) Faches war Saki. Mit bürgerlichem Namen Hector Hugh Munro. Geboren in Birma als es noch britische Kolonie war, gefallen auf dem Schlachtfeld von Beaumont-Hamel während des Ersten Weltkrieges – er hatte sich freiwillig zum Dienst verpflichtet.

Hier nun die Essenz der Essenzen aus dem literarischen Werk von Saki. Der Titel lässt es erahnen bzw. lässt – ganz im Stil von Saki – eine gewisse Großspurigkeit erkennen. Wie in seinen Geschichten kommt der Titel schnell auf den Punkt und … er hat recht! Es gibt keine. Keine langweiligen Zeilen, geschweige denn auch nur eine einzige langweilige Zeile! Und es gibt Tausende von Zeilen! Schließlich ist das Buch knapp tausend Seiten stark. Ein echt heißer Ritt durchs unebene Gelände der berauschenden Phantasie. Nichts ist wie es scheint. Wer meint schon nach wenigen Zeilen zu wissen, wie es ausgeht, warum der Eine oder Andere genauso handelt, wird immer wieder am Ende der Geschichte eines Besseren belehrt. Denn Saki ist ein wahrer Hexenmeister. Nicht nur die Protagonisten werden aufs Glatteis geführt, der Leser wird mit ihnen ebenfalls auf dem rutschigen Parkett ins Schlingern kommen.

Da wird dem Bischof übel mitgespielt. Noch übler ergeht es den Würdenträgern, denen der Besuch des Bischofs angekündigt wird. Sollen sie nun zu Mitverschwörern werden oder dem geistigen Anführer ein Bein stellen? Und immer wieder sind Verwandte Ziel des Spotts und der bitterbösen Streiche des Autors. Das kommt wohl daher – nein, es kommt ganz sicher davon – dass er selbst eine nicht kindgerechte Kindheit verbringen musste. Der Vater meist abwesend, die Mutter früh verstorben. Sie wurde von einer Kuh zu Tode getrampelt. Wenn es nicht so traurig wäre, man könnte schon fast eine Kausalkette zwischen dem Schicksal und dem literarischen Schaffen auf direkter Linie herstellen. So wuchs Munro unter Tanten auf. Die waren heillos überfordert mit der Erziehung des künftigen Autors und seinen Geschwistern. Züchtigung war an der Tagesordnung. Das prägt!

Fakt ist, dass hier nicht der Untersatz „das gesamte Werk“ zum Lesen animiert, sondern die selbstbewusste Aussage „Nie eine langweilige Zeile“, die nun mal stimmt. Ausnahmslos! Die Kratzspuren auf dem Cover können ebenso als Sinnbild gesehen werden. Denn jede Geschichte, jede Seite, ja, jede Zeile gehen unter die Haut.

 

Jahresendzeitgrüße eines maritimen Zeitgenossen

 

Zur Weihnachtszeit bekommt man heutzutage gern mal über die sozialen Medien unmotivierte und unpersönliche Grüße, garniert mit einem Bild/dem ersten Treffer einer Suchmaschine, in der allen eine gesegnete Zeit gewünscht wird. Nichts Persönliches – so viel zu den „sozialen“ Medien. Endzeitstimmung.

Und dann gibt es die Grüße, bei denen man sich wie selbstverständlich weigert sie nach den freien Tagen dem Recyclingkreislauf zu übergeben. Handgemachtes. Selbst Erdachtes. Mit Raffinesse gestaltete PERSÖNLICHE Grüße. Und so was gibt s in diesem Buch!

Niko Pross ist Arzt… und seefahrtbegeistert … und Künstler. Ein Strich hier, ein Strich da, und fertig ist eine stimmungsvolle Karte, die man sich gern auch außerhalb der besinnlichen Tage noch das eine oder andere Mal anschaut.

Seit über vierzige Jahren macht Niko Pross das nun. Er malt maritime Jahresendzeitgrüße und verschickt sie. Das lag es vielleicht nicht unbedingt nahe ein Buch zu gestalten – er musste überredet werden. Und dennoch ist eine kunstvolle Chronik der vergangenen fast vierzig Jahre entstanden.

1988 beginnt dieses Buch. Jedes Jahr eine Karte mit Motiven, die nicht nur Seemänner ins Schwelgen geraten lässt. Und jetzt kommt der gewisse Kniff, mit dem dieses Buch eben nicht nur Kunstinteressierte oder alte Seebären begeistert. Jedes Kapitel wird mit historischen Ereignissen garniert. Rückblick und Kunstgenuss in Einem.

Und wer auch nur ein bisschen geschichtliches Verständnis und Gedächtnis besitzt, kommt schnell darauf, dass der Beginn des Buches in die Zeit der großen Umbrüche fällt. 1988 – da bröckelt so einiges. Unter anderem der Eiserne Vorhang, der im Folgejahr endgültig der Schrottpresse übergeben wird. Aber auch das Geiseldrama von Gladbeck, bei dem Polizei und Presse derart überfordert waren, dass sie Fehler am laufenden Band produzierten. Da kommt ein Fels in der Brandung wie das Haus der Reederei F. Laeisz gerade recht. Diese Reederei betreut unter anderem die Polarstern, ein Forschungsschiff, das bei der Erforschung des Klimawandels einen entscheidenden Beitrag liefert.

Und wer erinnert sich noch an Dolly? Das Klonschaf. Das war … wann`? 1996. Das Jahr, in dem Niko Pross seinen Jahresendgruß mit einer Nacht ohne Finsternis gestaltet. Die Zeichnungen haben keinen Bezug zu aktuellen Ereignissen, das auch nicht nötig. Er ist keine Chronist, sondern einfach ein begeisterter Künstler, der dem Jahresausklang einen gebührenden Rahmen verleihen möchte. Und das gelingt, Seite für Seite. Die Chroniken haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sind ganz subjektive Erinnerungen. Das und vor allem die eindrucksvollen Zeichnungen machen dieses kleine Buch zu einem echten Hingucker!