Padua

Listet man eine reihe von Städten in Italien auf, die man unbedingt sehen muss, gehört Padua sicher nicht auf die Champions-League-Plätze. Abstiegsgefährdet ist sie allerdings auch nicht. Padua ist klein, kuschelig und vor allem prall gefüllt mit Historie. Eine der ältesten Unis Europas, der älteste Botanische Garten der Welt, Galilei unterrichtete (kann man bis heute besichtigen). Und ein Schmuckkästchen für alle, die feingestalteter Architektur mehr als nur etwas abgewinnen können.

Nun hat mich also entschieden Padua zu besichtigen. Was nun? Was gibt’s zu sehen, was muss man sehen, wo muss man hin? Suchmaschinen führen einen immer an die gleichen Orte. Nämlich die, die von Online-Reise- und Ausflugsportalen gefüttert wurden. Da rennt man dann den ganzen Tag hinter einem Fähnchen her, lässt sich erzählen, dass diese Säule eine Säule ist und dass genau dieses Haus alt ist. Hurra, ein Tankfüllung vergeudet für etwas, was jeder sofort erkennt (so schlecht ist das Internet dann auch wieder nicht…).

Padua muss man selbst erobern. Mit Sinn und Verstand, mit wachem Geist, mit Reiseband und … dieser Reisebeschreibung. Ulrike Rauh ist eine Italophile mit unbändiger Sehnsucht nach dem Stiefel. Von Milano bis Napoli hat sie den Leser schon mehrmals an die Hand genommen und ihn sanft an Orte geführt, die noch nie ein Fähnchen gesehen hat.

Padua ist wie die kleine Schwester von Bologna. Nicht nur wegen der alten Universitätstradition. Auch hier läuft gut beschattet durch Arkaden. Und zu sehen gibt’s hier auch jede Menge. Einfach Kapitel für Kapitel lesen, die von der Autorin gemachten Schritte nicht als Dogma verstehen sondern als liebevolle Stupser in die richtige Richtung. Wer Padua noch nicht kennt, fühlt sich augenblicklich wohl und kaum noch fremd in dieser pittoresken Stadt.

Das besondere an Ulrike Rauhs Büchern sind die gehauchten Liebeserklärungen an die besuchte und beschriebene Stadt. Sie hat immer einen Begleiter im Arm, der ihr und dem Leser SEINE Stadt näher bringt. Und das ist einzigartig! Und lässt so manches Zögern in schwungvolle Schritte verwandeln. Mit diesem Buch rutscht Padua mit einem Mal von den mittleren Wunschplätzen in die Königsklassenregion auf. Der Sommer wartet nicht. Padua wartet auf seien neugierigen Besucher, die dank dieses Buches bedacht und wohl belesen auf historischen Pflaster lustwandeln können.

Bergvögel

Klingt alles ziemlich vertraut, doch – so viel sei schon mal verraten – es ist alles ganz anders! Zwanziger Jahre. Schweizer Alpen. Sanatorium. Ja, da kommt einem schon der „Zauberberg“ in den Sinn. Doch damit hat es sich auch mit den Gemeinsamkeiten. Denn Zofia Nałkowska kannte das Meisterwerk aus Deutschland nicht. Es war zwar schon erschienen, aber nicht auf Polnisch. Und sie sprach nicht genug Deutsch, um es im Original lesen zu können. Und bei ihr steht auch nicht das Zwischenmenschliche so prägend im Vordergrund. Die hier Versammelten sind allesamt mit ihren Köpfen noch im Weltkrieg, der bis vor ein paar Jahren ihr Leben bestimmte, teils zerstörte. Zofia Nałkowska verbrachte Februar bis April 1925 mit ihrem Ehemann eine erholsame und vor allem wohl nachhaltige Zeit in Leysin in der Schweiz. Dieser lässt sich nur spärlich im namenlosen Ort des Romans erkennen. Das aber nur als Randnotiz, denn es ist unerheblich für den Genuss dieses Buches.

Die Bergvögel, Choucas, kreisen in den luftigen Höhen der Schweiz. Und mit ihnen das neue Jahr, neue Hoffnung, Aufbruch. Es ist eine kleine elitäre Gruppe von Menschen. Sie stammen aus Armenien, England, Russland, Italien, Spanien, Rumänien und Deutschland. Eine wahre EU, die in den über vierzig Kapiteln sich näherkommen, verzweifeln, lachen, tanzen, leiden. Jedes Kapitel eine Geschichte für sich. Diese Kurzgeschichten werden durch den losen Faden des Handlungsortes zu einem festen Seil verwoben, das sich wie ein Kargen um das Lesehirn schlingt und niemanden mehr loslässt.

In Polen ist Zofia Nałkowska bekannt. Mehr jedoch für ihre Romane, „Bergvögel“ ist auch hier relativ wenig bekannt.

Es sind die leisen Töne, die zarten Bande, die hier Verbindungen schaffen, die in der „großen Politik“ heute wie damals undenkbar sind. Das Massaker an den Armeniern in der Türkei wird derart detailliert beschrieben, dass man doch mal absetzen muss. Der zu Ende gegangene Krieg hat noch keine Ordnungszahl. Man liest sich schnell in einen Rausch, das Flattern der schwarzen Vögel mit den roten Beinen und den gelben Schnäbeln ist Hintergrundmusik, die den Takt vorgibt. Seite für Seite erheben sich die mächtigen Gipfel der Schweizer Alpen. Das Geschirr im Speisesaal klappert vornehm. Selbst die Sonne scheint zwischen den Seiten hervorzuluken.

Anders als bei Thomas Mann ist „Bergvögel“ um einiges kürzer. Auch die Sätze und die Kapitel ziehen sich nicht ewig dahin. „Bergvögel“ ist einer der Romane, die man nicht auf den ersten Blick für sich auswählt. Hat man aber die ersten Seiten gelesen, entsteht eine starke Liebe. So muss das sein!

Alles endet hier

Alles auf Null gesetzt. Diese eine Chance. Das muss klappen. Dan Selby hat sich selbständig gemacht. Eine neue Technologie soll ihm und seiner Frau Rachel den ersehnten Wohlstand bringen. Warren ist sein Geschäftspartner, kümmert sich ums Marketing, die Homepage etc. Natürlich schwingt im Unterbewusstsein immer die Angst mit, dass das alles in die Hose gehen kann. Aber der Optimismus ist stärker. Bis…

Das Buch beginnt mit einer leicht nachvollziehbaren Szene. Dan, hat irgendwas an seinen Händen. Es klebt, ist feucht und tropft den Bürgersteig und die Straße voll. Da es sich bei „Alles endet hier“ NICHT um eine Liebesschnulze mit einer ergebenen langhaarigen Blondine auf dem Cover handelt, sondern um einen knallharten Krimi, kann man sich die Szenerie gut vorstellen. Besonders im Boston Accent muss es besonders eindrücklich klingen…

Nun gut. Warren entpuppt sich als wahrhaftes Ekel. Er ist cholerisch, das wussten Dan und Rachel. Und er ist schnell eingeschnappt. Aber das ist solange okay bis er die Reißleine zieht. Das gemeinsame Geschäft steht und fällt mit der Homepage. Die, die Warren konzipiert hat und allein verantwortlich ist. Dann will eines Morgens die Homepage öffnen – da prangt ihm ein dicker, fetter Stinkefinger entgegen. Jetzt ist er völlig durchgeknallt, denkt Dan und meint damit Warren. Was sollen die Kunden denken?! Der Streit, der der Lahmlegung der Seite vorausgegangen war, deutete schon auf eine Eskalation hin. Doch das Warren soweit geht? Dann will ihn zu Rede stellen. Dann die Eskalation. Es fließt zum ersten Mal Blut bzw. wird die (fünfte) Ehefrau von Warren verletzt. Polizei, Sirenen, das volle Programm inkl. Anklage, Verteidiger. Die ohnehin angespannte Finanzsituation von Dan und Rachel wird dramatisch weiter unter Spannung gesetzt.

Marat, ein russischer, optisch nicht unbedingt als Frauenheld dienender „Freund“ von Dan hat eine verrückte Idee. Er kenne jemanden, der jemanden kennt, der jemanden besorgen kann, der das Problem (Warren) löst, sofort wieder verschwindet und bis auf eine paar tausend Dollar weniger auf dem Konto, ist kein größerer Schaden entstanden. Dan wiegelt ab. Dan will in der Sache nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen. Tja, ein Fehler macht einen anderen Fehler nicht wieder wett. Doch ein Fehler kann weitreichende Folgen haben … zum Beispiel etwas Feuchtes, etwas Klebriges an den Händen.

Dave Zeltserman dreht ordentlich an der Eskalationsspirale zweier Menschen, die den Status „nahe der Verzweiflung“ schon längst hinter sich gebracht haben. Und der, der – gerechtfertigt oder nicht – als enervierende Gleichgültigkeit seine Gegenüber das Weiße in die Augen schießen lässt, konnte nun wirklich nicht davon ausgehen, dass alles so kommt. Denn irgendwann ist auch mal Schluss! Der Weg dorthin ist an Spannung nicht zu überbieten. Die Welt ist schlecht. Aber auch unfassbar spannend nachlesbar!

Zuflucht

Manches im Leben muss man planen. Zum Beispiel muss man als Meisterdiebin die Gewohnheiten derer, die man erleichtern will, mehr als ganz gut kennen.

Manches im Leben kann man planen. Das hängt immer von der Situation ab, in der man sich gerade befindet. Oft spielen eigene Befindlichkeiten die größte Rolle dabei.

Manches im Leben kann man einfach nicht planen. Die passieren einfach. Ein Stupser in die richtige Richtung, zur richtigen Zeit. Dann flutscht es.

Grace ist eigentlich gar nichts Grace. Früher hieß sie mal Anita. Als Waise hatte sie kaum Wurzeln. Freunde ja. Adam zum Beispiel. Er wurde ihr Compagnon – sie drehten so manches Ding schon zusammen. Aber mehr war da nicht. So großartig Grave – bleiben wir doch bei dem Namen, sie tut es schließlich auch, weil es so passt und sich gut merken lässt und sie sich einfach gut damit fühlt und und und – im Beruf ist, so einsam ist sie auch. Die Geldvorräte waren schon mal größer. Doch das Feuer wieder mal zuzuschlagen, lodert derzeit noch. Mehr aber auch nicht. Ein Jobangebot kommt ihr da wie gerufen – so was kann man nicht planen.

Elin Mandel sucht dringend jemanden für ihren Laden. Jemand, der mobil ist, sich mit der teils antiken Ware auskennt und überhaupt zuverlässig ist. Die eierlegende Wollmilchsau ist Grave nun wirklich nicht. Aber momentan die Idealbesetzung. Und sie könnte sogar in einer Einliegerwohnung, die Elin spartanisch eingerichtet hat, einziehen. Noch so ein Zufall, den man nicht planen kann. Grave ist ziemlich happy. Etwas zu tun, gesicherter Tagesablauf. Und vor allem Schutz!

Ja, Grace muss sich in Acht nehmen. Da sind dunkle Gesellen, die ihr auf den Versen sind. Einmal nicht aufgepasst und das ganze schöne (und einsame) Leben ist vorbei. Und für Elin ist Grace fast schon der Jackpot. Denn auch sie braucht Ruhe. Denn ihr Leben ist bei Weitem nicht so geregelt und „normal“ wie es sein sollte und könnte…

Garry Disher lässt unter der Sonne Südaustraliens, in Adelaide, zwei Frauen aufeinandertreffen, denen es im Traum nicht einfallen würde sich zu suchen. So verscheiden sie zu sein scheinen, so eng werden sie zusammenwachsen, um ihrem Leben die entscheidende Wendung zu geben. Wenn es doch nur so einfach wäre!

Die gerissene Grace würde sich auch als Ermittlerin eignen. Kaum ein Krimiautor hat so viele Krimireihen im petto wie Garry Disher, fast alle Spürnasen mit dem einen oder anderen Problemchen, das sie mit sich herumschleppen. Wie schon Wyatt Earp als gewissenhafter Krimineller mit eigener Krimireihe – nicht zu verwechseln mit dem Westernhelden – macht Disher eine Kriminelle zur Protagonistin seines Werkes. Ein Charakter, dem man als Leser eigentlich nur Gutes wünscht. Eigentlich!

Gelato

Gelato ist das Universalmittel zum Glücklichsein. Und das ein Leben lang. Schon vom ersten Schleck an, noch bevor man die ersten Schritte tut bis hin zum letzten Schritt – Eis, Gelato geht immer! Und ist so vielfältig. In Palermo, quattro canti – Etna-Gelato, grau mit rot gezuckerten Brocken. Milano, castello Sforzesco – ein Eis, Gelato, das schon beim Anblick dahinschmilzt, und den Connoiseur es ihm nachzutun. Italia é gelato = untrennbar miteinander verbunden.

Peter Peter wagt den Spagat zwischen Sachbuch und Sehnsucht. Seine Eiszeiten sind wahre Delikatessen, in der die Lesezeit mit Speichelfluss im Wettstreit steht – es gewinnt der Speichelfluss, versprochen.

Am Anfang stand der praktische Gedanke Lebensmittel haltbar zu machen. Schnell merkte man jedoch, dass Kühle in heißen Zeiten eine echte Wohltat ist. Es dauerte nicht lange bis man Aromen dem kühlen Nass hinzufügte und das Wunder der glänzenden Augen war geboren. Das war vor langer, langer Zeit. Wo genau – darüber streiten sich die Gelehrten. Italiener beanspruchen natürlich diese Erfindung für sich selbst. Fakt ist jedoch, dass im und am Stiefel Eis ungefähr den gleichen Stellenwert hat wie caffé. Es geht nicht ohne!

Und so liest man sich durch Rezepte – ja, hier gibt’s die volle Ladung gelato – über Zahlen – allein in Rom konkurrieren über tausend Eishersteller um die Gunst der Kunden – bis hin zu kurzen Biographien von Menschen, deren Vermächtnis darin besteht, Zucker, Wasser, Milch und Geschmäcker herzustellen und haltbar zu machen. Je natürlicher umso besser. Doch auch in Italien sind industrielle Eismassen auf dem Vormarsch. Wie man sie erkennt und eventuell umgeht – die Antwort ist rot, handlich und gehört einfach in jedes Reisegepäck, wenn es gen Süden geht.

Sogar an Reisetipps hat der Autor gedacht. Je weiter man in den Süden vordringt, desto bedeutsamer wird die Erfrischung im Laufe des Tages. Napoli ist das Herz der Eishersteller. Wer hier Urlaub macht und nicht einmal schleckt, der hat schon verloren. Das Veilcheneis, Gelato alla Violetta im Gran Caffé Gambrinus, Lieblinsgeis von Sisi, wenn sie wieder mal auf der Flucht vor dem höfischen Protokoll war, ist mittlerweile mehr Touristenattraktion (das merkt man schon am Preis) als wahres Kulturgut. Dennoch sollte man es sich gönnen und den Fensterplatz mit Blick auf die Piazza Plebiscito genießen.

Wer im gelato mehr als nur die schnelle Erfrischung sieht, sondern sich selbst mit dem damit verbundenen Lebensstil anfreunden kann, der wird mit diesem Buch eine Leckerei in den Händen halten, die nicht kleckert, sondern klotzt.

Die Pause ist vorbei

Diese kleine unerbittliche Kugel aus Metall, die unaufhörlich auf die ebenfalls metallene Glocke scheppert. Der Klang durchdringt Mark und Knochen. Jetzt geht’s weiter – womit auch immer. Die Pause ist vorbei! Marcello Gori stört die Glocke schon lange nicht mehr. Er studiert und studiert und studiert. Hat schon fast eine Inventarnummer. Doch irgendwann ist der Klang der Glocke nun mal auch ein Fanal für den Aufbruch zu neuen Ufern. Neu – klingt schrecklich! Es ist doch alles so wunderbar! Die Bar von Papa zu übernehmen? Niemals. Schließlich studiert er. Er weiß bis heute nicht wie es dazu kam. Nun gut. Das neue Jahr beginnt, der Bart kommt ab, das Dissertationsthema hat er im Kopf. Sogar drei Themen kann er Professore Sacrosanti vorweisen. Doch der holt den Langzeitstudenten elegant und wortgewandt – schließlich ist er Professor für Literatur – auf den harten Steinboden der ehrwürdigen Universitätsrealität zurück. Das, was Marcello vorhat, ist ehrenrührig. Doch eher was für das Spätwerk eines Wissenschaftlers. Er solle sich auf einen Autor beziehen, ihn genauestens untersuchen, vielleicht sogar eine verschollene Schrift entdecken. Der Professore hat da sogar schon eine Idee. Tito Sella. Klar doch, den kennt Marcello – kennt er nicht! Er komme auch aus Viareggio – so wie der Autor dieses Buches, Dario Ferrari. Das wäre doch was für Marcello. Kurz bei Wikipedia reingeschaut: Tito Sella, Terrorist, tot, seit fast zwanzig Jahren. Der Bart ist ab, die Zukunft wartet, und ist in etwa so trostlos wie eine mögliche Zukunft in der Bar von Papa.

Das metallene Läuten dröhnt im Schädel und wird wohl nicht so schnell verhallen. Denn das Thema über den Schriftsteller (und Terroristen, und mutmaßlichen Mörder!) hat es in sich. So wenig über ihn bekannt zu sein scheint, umso ertragreicher sind die Recherchen für Marcello, der sich über sich selbst wundert. Denn so akribisch, teils verbissen, hat er noch nie gearbeitet. Und es macht sogar Spaß! Hui, die Pause – die Lebenspause, Arbeitspause – scheint wirklich vorbei zu sein. Und das Dröhnen kommt nun von ganz anderer Seite.

Auch das Verhältnis zu seinem Doktorvater bekommt mit einem Mal ganz andere Züge. Der ist vielleicht neugierig! Und das mit Grund…

Dario Ferrari rast nicht mit überirdischer Geschwindigkeit durch das fiktive Leben des Langzeitstudenten Marcello, auch nicht durch das Leben von Tito Sella. Alles Fiktion! Das ist wichtig! Vielmehr streichelt er behutsam, doch unnachgiebig das Gaspedal, um die schwierigsten Kurven mit Rasanz und Vorsicht zu nehmen. Zwischengas und Kupplungsspiel sind in „Die Pause ist vorbei“ elegant ausbalanciert, ein Ausbrechen nach links oder rechts oder gar eine komplette Drehung wird dank behutsamen Eingreifen des Protagonisten, vermieden. Wenn Realität und Fiktion verschwimmen, entstehen Bilder, die sich einem einprägen. Und so wird es diesem Buch auch ergehen! Buonissimo!

Der Horizont der Nacht

Durch Bari zu streifen und sich nicht ablenken zu lassen von all der Pracht in den Auslagen, der Brise, die vom Meer herrührt, in den engen Straßen nicht dem Zauber der Architektur zu erliegen – schwierig. Für Avvocado Guido Guerreri ist Bari die Stadt, in der er lebt. In der er arbeitet. Die ihm so viel gibt und auch viel genommen hat. Ein Freund bittet ihn um einen Gefallen. Er solle zuhören, was Elvira Castell zu berichten hat. Treffpunkt ist die Buchhandlung, die nur nachts geöffnet hat. Ein Trick des Besitzers der Schlaflosigkeit ein Schnippchen zu schlagen. Elvira Castell hat Giovanni Petacci ermordet. Das steht so fest wie das Amen in der Kirche. Pistole – Schuss – Blut – Tod. So einfach ist das! Jetzt gilt es die gesamte Gnade des Gesetzes angedeihen zu lassen. Denn: Elvira Castell wollte eigentlich mit Petacci reden, ihn aus der Wohnung (die mittlerweile ihr gehört) zu schmeißen. Das hat einen ganz bestimmten Grund. Bis vor kurzer zeit gehörte die Wohnung Elena. Elena Castell, Elviras Zwillingsschwester. Sie nahm sich das Leben. Mit verdammt großer Wahrscheinlichkeit wegen Petacci. Ein unangenehmer Zeitgenosse, der mit Tricks und fiesen Spielchen sich durchs Leben mogelte. Gewalt in jeglicher Form war ihm als Mittel recht. Nun ja, es kam wie es kommen musste…

Als Anwalt muss er Elvira raten sich zu stellen. Denn nur so kann Recht gesprochen werden und hoffentlich der Gerechtigkeit genüge getan werden. Und die bald schon Angeklagte kann sich keinen besseren Rechtsvertrter wünschen als Avvocado Guido Guerrini. Ein versierter Anwalt, der mit allen Wassern gewaschen ist ohne dabei Rechtsbeugung zu begehen. Das Problem ist nur: Er ist mitten in einer fetten Lebenskrise! Seine Frau hat ihn schon vor Jahren verlassen, seine Freundin soeben erst. Und die Moral seines Berufsstandes gibt ihm immer häufiger zu denken. Seine Klienten sowieso. Der Sinn des Lebens bzw. die Sinnsuche danach rückt ihm immer öfter in den Fokus. Er sucht Rat bei Freunden, bei Psychologen. Die Antworten sind nicht universell, eher Ausgangspunkte für eigene Erkenntnisse. Und dann sind da noch immer wieder neue Indizien, die den Fall der Elvira Castell in scheinbar immer neues Licht tauchen. Hoffnungsschimmer oder Blendgranaten, deren Ursprung er nicht erkennen kann oder soll?

Sinnsuche oder Justizskandal? Nein, das ist hier nicht die Frage! Gianrico Carofiglio taucht seinen Protagonisten immer wieder tief in die eigenen Untiefen. Der Blick wird nicht selten klarer. Doch was diese Erkenntnisse bedeuten – das erforscht er zusammen mit dem Leser. Im Nu ist man in einer Sinnsuche gefangen, die ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit viele Antworten gibt. Mann (Guerrini) muss sie nur als solche erkennen. Wieder einmal beweist Gianrico Carofiglio sein Gespür für verzwickte Lebenssituationen, die ausweglos erscheinen und trotzdem viel Licht ins Dunkel bringen.

Spuk

Das Ende des Buches: Ein Fragezeichen. Und an viertletzter Stelle die Wahrheit. Lässt viel Raum für Spekulationen, eventuell für eine Fortsetzung. Tja, an alle, die gern Bücher am Ende beginnen – in diesem Fall lasst Ihr Euch ordentlich aufs Glatteis führen.

Glatteis kennt Frank nur aus seinen Erinnerungen. Er ist Privatdetektiv in Tucson, Arizona. Eis kennt man hier nur aus der Tiefkühltruhe. Auch im Jahr 1952. Die Hitze brennt jeden Gedanken aus der Rübe. Der Schweiß presst sich aus jeder Pore. Frank hat es – geschafft wäre wohl zu viel des Guten. Er hat es geschafft dem dunklen Europa zu entkommen. Dem Europa, das nach dem Ersten Weltkrieg in Depression verfiel, später im Rausch sich neue Götter suchte.

Er ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mehr schlecht als recht windet er sich durchs Leben. Gerade hat er einen Auftrag bekommen, der wie für ihn geschaffen ist. Die Gewerkschaften werden immer mächtiger. Das ist für Firmenbesitzer gefährlich. Denn, wenn die Arbeiter Forderungen stellen, nicht arbeiten, aufmüpfig werden, stagniert alles. Und Frank i st der ideale Spion, um sich in ihre Reihen einzugliedern und zu schauen, was Sache ist. Frank, ein Lausebengel, ein windiger Kauz, fast schon als gewissenlos zu bezeichnender Aal, der überall mit allem durchkommt. Und er kann schweigen!

Doch die Ermittlungen sind zäh. Ein Whiskey in einer Bar, ein in sich gekehrtes Seufzen, eine Zeitung und … was ist das? Mit einem lethargischen Glockenschlag (nur bei Frank gibt es so was wirklich!) bröckelt seine gleichgültige Fassade. Carl Tanzer ist tot. Man hat ihn gefunden. Und schon setzt sich die mächtige Hirnerinnerungsmaschine in Gang. Damals, vor ein paar Jahren, in Florida, Zephyrhills. Tanzer war kein Unbekannter. Und noch früher. Damals, Kalifornien, LA, er und Fred. Als Polizisten konnten sie selbst dem Teufel noch einen Dreizack andrehen. Krumme Hunde, die krumme Dinger drehten, ohne sich dabei krümmen zu müssen. Wow, so einen Motivationsschub hat Frank lange nicht mehr gehabt. Seit ungefähr … na ja, wann wird es gewesen sein? Kurz nach dem Krieg, in Eisenerz, Steiermark, Österreich. Dort, wo Frank seine Wurzeln hat. War ’ne wilde Zeit. Eine gefährliche Zeit. So gefährlich, dass Frank … irgendeinen Grund muss es ja gegeben haben, warum er nicht mehr in den Bergen einer geregelten Arbeit nachgeht, sondern in den Weiten der Neuen Welt sein Glück versuchte…

Florian Dietmaier kreiert einen Spannungsbogen, der zeitlich mehr als ein Vierteljahrhundert umfasst. Und zum Teil auf Tatsachen beruht. Ab der ersten Seite setzt sich beim Leser eine Gedankenspirale in Gang, die jedes Perpetuum mobile in den Schatten stellt. Die Zeitsprünge fordern Aufmerksamkeit und belohnen mit frischen Erkenntnissen, die die dunkle Welt dieses exzellenten Noirs fast schon wie beim Wein eine fruchtige Note verleihen. Und ein Schluck (noch eine Seite) und noch ein Schluck (noch eine Seite) … mmh … vollmundig. Fast könnte man das Buch auch ins Weinregal stellen!

Paris Wissenswertes und Kurioses – 55 erstaunliche Fakten

Wer mit Informationen voll ausgestattet nach Paris reisen will, muss fürs Extragepäck zahlen. Die Flut an Büchern ist schier unendlich. Und verständlich! Schließlich will man diese faszinierende Stadt auch mit allen Sinnen und komplett aufsaugen. Aber ganz ehrlich: Das ist unmöglich mit einer Reise zu schaffen, auch wenn das Verkehrssystem in Paris es rein zeitlich zulassen würde.

Seit einigen Jahren ist es chic sich mit dem Rad fortzubewegen. Dafür stehen tausende Leihräder zur Verfügung. Aber auch rund zehn Prozent davon müssen täglich(!) repariert werden. Und rund fünf Prozent werden erst gar nicht wieder zurückgegeben.

Weitaus berühmter ist die Metro und ihre kunstvoll gestalteten Metrostationen. Dabei galten sie vor einhundert Jahren, als man begann sie im Jugendstil zu errichten als altmodisch. Apropos Mode. Paris ohne Mode? Geht nicht. Den Grundstein dafür legte übrigens ein … Engländer.

Fünfundfünfzig Fakten, die nicht zwingend erforderlich sind, um Paris zu erkunden, jedoch jeden Spaziergang zu einem besonderen Erlebnis machen, sind in diesem Leichtgewicht versammelt. Es passt in jede Tasche, ist dank des Harteinbandes schnell zur Hand und sorgt Seite für Seite für ein Aha oder Oh lala. Das reicht vom Baguette (die Entstehungsgeschichte ist spannender als man denkt) über Geisterbahnhöfe bis hin zu Fakten, die ein wenig von der überbordenden Pracht der Stadt ablenken (für diejenigen, die ab und zu doch mal zu viel von der Schönheit der Stadt bekommen).

Die liebe volle und ansprechende Gestaltung des Buches führt dazu, dass man es immer wieder aus der Tasche zieht und sich mit scheinbaren Nebensächlichkeiten den Rundgang versüßt. Manchmal erschrickt man doch: Paris ohne Eiffelturm. Das war mal der Plan. Er sollte kurz nach der Weltausstellung 1889 abgerissen werden. Raten Sie mal wie hoch wäre der Stahlrest, wenn er auf der Grundfläche zusammengeschmolzen zur Besichtigung angeboten wäre! Es ist weniger als man denkt…

In diesem Buch hingegen steckt mehr als es das Ausmaß des Buches vermuten lässt.

Wer verliert gewinnt

Als Richard von der Arbeit an den Schmelzöfen nach Hause kommt, sieht schon von Weitem, dass im Diner, das er und seine Frau Lois besitzen kein Licht brennt. Ihm schwant Böses. Sicher liegt irgendwo ein Zettel. Es soll für eine sehr lange Zeit das letzte Mal sein, dass er recht behält. Sie, Lois, ist weg. Dickie, sein Sohn, auch. Ab nach Kalifornien, nach Hollywood. Sie ist verrückt danach.

Alte Fußballerweisheit: „Haste Sch… am Hacken, haste Sch… am Hacken“. Und jetzt beginnt eine ruhelose Reise. Von Oklahoma nach Kalifornien. Klar, Richard will Dickie wiedersehen. Ihn wiederhaben. Und Lois eventuell auch. Der Trip im Waggon, selbst Viecher reisen komfortabler, entwickelt sich zum Albtraum. Jeder mit ein paar Muskeln und weißer Hautfarbe – es ist die Zeit der Depression, Ende 30er Jahre des 20ten Jahrhunderts – malträtiert diejenigen, denen eines dieser Attribute fehlt. Am schlimmsten trifft es die, denen beides fehlt. Und unterwegs sorgen die staatlichen Organe dafür, dass nicht zu viel Platz im Wagen bleibt.

In Kalifornien trifft Richard auf so manches Pack. Zum Einen die Verwandte, die Lois aufgenommen hat(te). Ein hinterhältiges Biest, das die Polizei ruft. Richard ist wieder on the road. Ein Regisseur – juchhu, wir sind Kalifornien! – ist wohl der einzige, der Richard halbwegs so was wie den Glauben an Licht am Ende des ewig dunklen Tunnels geben könnte. Ein Ganove hat einen todsicheren Plan um an Geld zu kommen. Richard zögert, zweifelt, hat aber schon eine stattliche Anzahlung bekommen – es geht schief, was schief gehen kann. In den Zeitungen wird dann ebenso gelogen wie auf den Straßen betrogen wird. Selbst das zufällige Glück bei einer Frau unterzukommen, erweist sich alsbald als Trugbild. Und von Dickie keine Spur. Die Taschen leer. Desillusioniert streift Richard durch das Land, das so viel verheißt, jedoch in Wahrheit ein Sündenpfuhl voller Schlaglöcher ist, deren Grund man nicht sehen kann.

Immer wieder tappt man beim Lesen in die selbst gestellte Falle vermeintlich zu wissen, was auf den folgenden Seiten passiert. Und schon schnappt die Bärenfalle zu! Ströme schamhaften Blutes ergießen sich vor dem geistigen Auge. Wieder mal aufs falsche Pferd gesetzt. Genauso geht es Richard! Und der Typ mit der Kerze am Ende des Tunnels – der bekommt auch noch sein Fett ab!

Richard Hallas hat nur einen Noir geschrieben, auch wenn es diesen Begriff bei Erscheinen noch nicht gab bzw. er noch nicht anerkannt wurde. Und der war ein Erfolg. Dann verschollen, und nun in deutscher Übersetzung (aus dem Jahr 1944, in der Schweiz erschienen) endlich wieder zugängig. Anna Katharina Rehmann-Salten war für die Übersetzung verantwortlich. Und jetzt kommt der eigentliche Knüller: Sie, die Übersetzerin verwaltete den Nachlass vom Schöpfer von „Bambi“. Er, Richard Hallas, eigentlich Eric Knight, ist der Schöpfer von „Lassie“. Und dann so was Düsteres, Dunkles, Hoffnungsloses?! Man setzt oft auf Schwarz, und dann kommt Rot. Wer sagt eigentlich, dass das schlecht sein muss?