Alles beginnt mit dem Tod. Odysseus überlistet die Sirenen, die sich daraufhin in die Fluten stürzen. Eine von ihnen, Parthenope wird an die Ufer der Bucht von Neapel gespült. Der damals aber noch anders gehießen haben muss. Sie wird hier begraben und gibt der Stadt ihren ersten Namen. So oder so ähnlich kann man sehr oberflächlich die Entstehung der Stadt Neapel zusammenfassen. Von wegen der Tod is a Wiener! Unter der brodelnden Oberfläche liegt das andere Neapel. Das Neapel der Toten. Katakomben, endlose Gänge, Labyrinthe. Das ist Neapel. Auch. Und ganz besonders.
Der Stadtheilige San Gennaro, der für seine religiöse Überzeugung – die katholische Kirche liebt die Aufopferung – ist hier begraben. Ippolita Sforza, aus dem fernen Mailand, auch. Sie, der junge gebildete Teenager sollte hier Alfonso heiraten. Später wäre sie dann Königin geworden. Es kam anders. Als Zwanzigjährige brach sie auf, um das noch nicht vereinigten Italien zu bereisen und schließlich am Hochzeitshofe ihrem Zukünftigen übergeben zu werden. Bücher und Lehrer brachte sie gleich mit. Doch Alfonso war die junge Sforza nicht genug. Nachdem die Thronfolge gesichert war – drei Kinder, inklusive männlichem Nachkommen – zog es Alfonso zu Anderen hin. Anderen Frauen. Sie solle es hinnehmen, rieten ihr sogar ihre Brüder. Sie nahm es nicht hin…
Hinzunehmen hatten die Napoletaner so manche Schmach. Die Größte Stimme der Stadt – Enrico Caruso – brach nach einem desaströsen Auftritt im Teatro San Carlo zu anderen Ufern auf. New York wurde seine neue Heimat. Nach schwerer Krankheit kehrte er als Kurgast in seine Heimatstadt zurück. Er erholte sich. Nur kurz und starb dann im Hotel Vesuve. Menschenmassen trugen und geleiteten seinen Sarg zur letzten Ruhestätte. Neapel und der Tod – eine Verbindung wie Pech und Schwefel.
Dieter Richter kennt die Stadt besser als die meisten Einwohner. Der Süden, Neapel – hier ist er zuhause. Dreizehn Todesfälle, die die Stadt prägten, die exemplarisch für die Stadt stehen, ihr Image prägen, durchblättert man fieberhaft, um noch tiefer in die eintauchen zu können. Fernab von Touristenströmen, vorbei an unzähligen Pizza-portafoglio-Zwischenstopps führt Dieter Richter den Leser durch eine Stadt, die es schafft das Gleichgewicht zwischen allgegenwärtigem Tod und ebenso spürbarem Leben zu halten.
Es ist wie bei jedem Buch von Dieter Richter: Jetzt hat man wirklich alles erfahren über die Region, über die der versierte Kulturwissenschaftler schreibt. So ist es auch mit diesem Buch. Mehr kann man einfach nicht wissen über die Stadt in einem der aktivsten Vulkanfelder der Welt. Eines steht jedoch fest: Bei Dieter Richter muss man immer mit Überraschungen rechnen. Genauso wie bei Neapel. Die Stadt hält sicher noch einiges unter und über der Oberfläche parat. Und Dieter Richter wird es gekonnt und unnachahmlich hervorkramen.









