Ragazze di Palermo

Giusi, Rodi, Cettina, Mariola, und Tanina – die Zukunft liegt noch vor ihnen. Diese Fünf sind das Bollwerk für Unabhängigkeit und gegen klassisches Rollensverständnis im Palermo in der Mitte des 20. Jahrhunderts. So verschieden sie auf den ersten blick sind, so verschworen ist ihre Gemeinschaft. Giusi ist sportlich. Mariola erinnert an Ava Gardner. Cettina ist viel „nonnenhafter“. Tanina expressiver Körper lässt den Betrachter zu einem ganz anderen Schluss kommen… Und Rodi, ist einfach Rodi, vielleicht sogar der Kitt, der sie zusammenhält.

Die „Ragazze di Palermo“ sind wie ein rollender Zug, den niemand aufhalten kann. Dabei haben sie kein greifbares Ziel, das den Abschluss einer Reise bilden soll. Sie geben sich gegenseitig Alibis, wenn man sich mit einem Jungen mal ungestört … Vor Schulbeginn tauschen sie die Hausaufgaben aus. Sie spielen Lehrern Streiche. Und wenn ihnen mal jemand dumm kommt, können sie sich jugendlich-keck erfolgreich wehren.

Es ist eine unbeschwerte Kindheit, an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Doch die Schatten der Zukunft, was auf sie als erwachsene Frauen zukommen soll, ziehen langsam auf. Die Fünf werden schon bald nicht mehr zu Fünft sein. Ein Unglück, der Lauf der Dinge, Emanzipation wird die Gruppe sprengen. Nicht allmählich, sondern plötzlich und unwiderruflich. Bis zum Schluss nur noch Rodi übrig sein wird.

Der Wandel vom leichten Mitschwingen im Palermo vor siebzig Jahren zum wenig beschaulichen Zeitenwandel mit stets vorhandenen Regeln, die niemals umgestoßen werden, wird von Dacia Maraini mit Eleganz vollzogen. Sie zieht den Leser in einen Sog, dem man nicht entkommen kann. Im Strudel der Ereignisse, nimmt man – nehmen die Fünf – die unweigerlichen Veränderungen kaum wahr. Und wenn doch, dann ist es zu spät!

Teenagerfreiheit trifft knallharte Realität. Wenn selbst eine Reise aufs Festland fast schon zum Politikum wird. Wenn ein kleines Vergnügen das komplette restliche Leben in Dunkelheit hüllen kann. Wenn der freundliche Herr gar nicht freundlich ist. Wenn Schwüre schlussendlich doch gebrochen werden. Es sind nicht einmal einhundert Seiten. Doch jede Seite, jeder Absatz, jedes Wort ist nicht nur mit Bedacht gewählt, sondern durchdringt jede Faser. Fernab der Postkartenidylle erhebt sich vor einem ein Sizilien, ein Palermo, das derart viele Fassaden hat, dass man sich in ihm verliert. Dacia Maraini führt einem in eine verschlossene Welt, weist aber auch den Wieg wieder hinaus.

Trio

Ein Dreieck ist die stabilste Verbindung. Daran ist nicht zu rütteln, weil Mathematik und Physik es beweisen. Das gilt für Materie – tot wie lebendig. Auch Agata und Annuzza sind eine stabile Verbindung eingegangen. Während im Jahr 1743 in Messina die Pest ganze Landstriche im Elend versinken lässt. Im Kloster hatten die beiden Unzertrennlichen Sticken gelernt. Bei Schwester Mendola.

Die Pest schreitet immer weiter voran. Macht auch vor Kostermauern nicht halt. Und so werden Agata und Annuzza zum ersten Mal ohne ihr Zutun, ohne ihr Einverständnis voneinander getrennt. Für Annuzza bedeutet die Flucht aufs Land aber auch eine Trennung von ihrem Geliebten. Dem Mann, dem ihr Herz gehört. Mit Agata schreibt sie Briefe. Viele, lange Briefe. Mit Girolamo kann sie keine Briefe austauschen. Zu gefährlich. Denn Girolamo ist Agatas Mann.

Genug Zündstoff für eine klischeebehaftete Fehde zwischen zwei Frauen, die um ein und denselben Mann kämpfen. Bei zirka 99 Prozent der Autoren kommen da sicherlich exakte diese Gedanken auf. Doch das eine Prozent an Autoren und Autorinnen entscheidet über Sieg oder Niederlage beim Publikum. Dacia Maraini ist die Anführerin dieser Ein-Prozent. Sie macht es sich nicht einfach und lässt die beiden Frauen wie Furien aufeinander losgehen. Hallo Klischee: Sizilien – Kränkung – Ehre – Rache. Im Nu sind tausend Seiten voller Blut und Blutschwüre geschrieben, so dass jeder „Pate-Jünger“ vor Freude in die Hände klatscht. Doch das Leben, auch und vor allem im Sizilien in der Mitte des 18. Jahrhunderts, sieht manchmal eben auch anders aus.

Agata und Annuzza sind seit Ewigkeiten Freunde (ganz ohne Genderkennzeichnungen, weil Freundschaft nun mal keine Grenzen kennt!). Kein Mann kann sie trennen, auch wenn augenscheinlich die Eine der Anderen den Einen abspenstig machen will. Dieses „Trio“ ist wirklich die stabilste Verbindung in der Literatur.

Dacia Maraini macht es sich nicht leicht beim Entwickeln der Geschichte. Schließlich schießen einem beim bloßen Überfliegen der Geschichte tausend Ideen durch den Kopf. Und alle haben mit Rache zu tun, oder?! Die Fülle an Empathie und Sorgfalt in der wortgewaltigen Abgeschlossenheit der Geschichte lassen die reichlich einhundert Seiten wie einen fetten Historienschinken erscheinen, den man tagelang in sich aufsaugt.

Die stumme Herzogin

Marianna Ucrìa ist mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im mund geboren. Sie ist Herzogin, lebt in einem palazzo. Sie ist taub, ein Teenager und muss heiraten. So wird aus dem goldenen Löffel schnell der nicht minder goldene Käfig. Zumal der Gemahl drei Jahrzehnte älter und ihr Onkel ist. So viel zu „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“. Und so viel sei schon mal verraten: Das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Die Ehe ist kein Traum. Nicht einmal eine Traumhochzeit wurde der tauben Herzogin gegönnt. Ihr Vater ist es, der ein wenig Licht ins Leben von Marianna brachte und bringt. Ihm verdankt sie Bildung – im 18. Jahrhundert in Sizilien war es eine Seltenheit, dass Mädchen lesen und schreiben beigebracht wurde. Sie liest, saugt Bücher bergeweise in sich auf. Bücher sind ihre Zuflucht. Nicht nur vor der Einöde und der Enge der Ehe, sondern auch vor der Gewalt des Gatten, ihrem Onkel. Man kann es nicht oft genug betonen…

Der enorme Altersunterschied bringt es aber auch mit sich, dass das Ende dieser arrangierten Ehe ein absehbares Ende haben muss. Ein Lichtblick am Ende des Tunnels, in dem nicht mal Leidensgenossinnen ihr zur Seite stehen. A), weil sie nicht wollen und B), weil sie nicht können.

Der Tag der Erlösung ist gekommen. Marianna trägt nun schwarz. Wie man es von ihr als Witwe erwartet. Selbst in der Befreiung ist sie noch im Korsett der Tradition gefangen. Wie sehr, das erfährt sie alsbald. Denn die sie allzeit umgebende Stille hat einen Grund!

Dacia Maraini lässt den Leser selbst urteilen, wie er das Schicksal der stummen Herzogin einordnet. Einer Frau, der sie (die Autorin) selbst keine Stimme geben kann. Ihre Wahrnehmungen, Empfindungen und Interpretationen kann sie niederschreiben, in Briefen, in Notizen. Doch die Linderungen des Leids sind nur von kurzer Dauer. Die Schmach des Alleinseins – niemand kann mit Marianna kommunizieren – drückt erheblich aufs Herz.

Die Befreiung daraus kommt mit der bittersten Erkenntnis ans Licht, die Marianna erleben kann. Die eine Fessel gelöst, und schon kommt der nächste Knoten, und schnürt ihr die Kehle zu. Im Auf und Ab der Gefühle schaukelt man als Leser zufrieden und sicher gewogen in den Armen einer Autorin, deren Werk Sizilien so nahbar macht wie kaum ein anderes. Hier wird Feminismus nicht zur wild geschwungenen Axt in der Hand einer kampfbereiten Masse. Hier piekst die scharfe Feder, und die Unauslöschbarkeit der Tinte sorgt für bleibende Mahle.

Endlich ein historischer Roman, der diesen Namen verdient und mit kulturellem Tiefgang erzählt, einfängt, aufwühlt, zur Tränen rührt, Hoffnung gibt…

Ein halber Löffel Reis

Der Untertitel lässt nicht Gutes erwarten: Kindheit in einem japanischen Internierungslager. Dacia Maraini beschreibt darin ihre eigene Kindheit im fernen Japan, die von Pein, Mangel Entbehrung geprägt war.

Familie Maraini darf nach Japan reisen – Papa hat einen Forschungsauftrag. So beschaulich und abenteuerlich sich das Ganze anhört, so traurig ist doch die Wahrheit dahinter. Denn der Musolini-Faschismus ist den Eltern, Mama Topazia stammt aus einer sizilianischen Adelsfamilie, zutiefst verhasst. Doch Japan und Italien sind miteinander verbunden. Eine ablehnende Haltung zum Faschismus führt unweigerlich zur Internierung. Kein Ort für Kinder! Niemals! Nirgendwo! Auch die Verwaltung des Lagers hat nicht mit Kindern gerechnet. Das ist wörtlich zu nehmen. Kinderrationen tauchen im Plan nicht auf. Also muss jeder erwachsene Gefangene täglich einen halben Löffel Reis für die Kinder opfern… Das muss man erstmal sacken lassen.

Dacia Maraini gibt dem Leser Zeit und führt ihn fortlaufend auf eine Straße, die dem Begriff Schicksalsweg eine neue Bedeutung verleiht. Die Biographie von Dacia Maraini weist bis zur Internierung fast nur Wendepunkt auf. Geboren in der Toskana, mit zwei Jahren ans andere Ende der Welt, in eine völlig andere Kultur umgezogen, als Teenager mit dem Elend der Welt konfrontiert. Sie ist Dreizehn als die Japaner ihr das Leben entreißen. Sie sieht wie kämpferisch die Mutter die Gruppe der Exilanten im Lager versucht zusammenzuhalten. Der Vater bringt ein noch größeres Opfer. Um eine Ziege zugestanden zu bekommen, hackt er sich einen Finger ab. Auf solche Bezeugungen eines gaijin reagieren die Lagerverwalter mit entsprechender Beachtung.

Doch damit sind die Umwälzungen noch lange nicht vorbei. Nach der Wiederkehr muss sich Dacia Maraini mit der ihr auf dem Papier nicht fremden sizilianischen Kultur anfreunden…

„Ein halber Löffel Reis“ besticht durch die Reinheit der Worte. Wie in einem japanischen Zen-Garten ergeben klare Linien ein Gesamtbild, das auf den ersten Blick erschüttert. Aber wie so oft im Leben, kann aus der dunkelsten Ecke eines Zimmers ein Licht erstrahlen, das Welten zum Leuchten bringt. Das literarische Werk von Dacia Maraini ist der lebendige Beweis dafür.

Die Zauberdrachenschnur

Zauberdrachenschnur – das kann ja nur ein Märchen sein, das einen in eine andere, ferne, fantasiereiche, heile?, sorgenfreie?, hoffnungsvolle? Welt führt. Ja, tut es. In einem ganz besonderen Maße.

Kaspar vertrödelt ein wenig die Zeit als er sich in einem Kirschbaum den Magen mit den süßen Früchten vollschlägt. Unten, an den Wurzeln hat es sich inzwischen der Zauberer gemütlich gemacht und schnarcht, dass die Äste knacken. Kaspar wird ganz mülmig. Was, wenn der ganze Baum unter dem Gesäge des dicken Zauberers zusammenbricht?! Auch der Wolf, der böse Wolf!, ist durch das Schnarchen auf die Quelle des Lärms aufmerksam geworden. Mmmh, lecker, ein Festbraten für ihn, seine Frau und seine vier Wolfskinder – ja, auch einen Wolf plagen ganz alltägliche Sorgen. Doch Kaspar funkt dem mordlüsternen Getier gehörig in den Festbraten. Als der Zauberer erwacht, hat er nur eine ungefähre Vorstellung wie knapp er dem Tod entgangen ist. Kaspar berichtet ihm immer noch aufgeregt. So eine Heldentat muss belohnt werden. Kaspar wähnt sich schon im Süßigkeitenparadies – das Kirscheninferno wird ihn noch früh ereilen, und die Ursache des kommenden Übels ist ihm aber noch allzu präsent. Doch was ist das? Der Zauberer zeigt ihm drei Schnüre! Eine darf er sich auswählen und behalten. Die Enttäuschung weicht genauso schnell wie sie kam. Kaspar wählt die, mit der man alles in die Luft heben kann. So ein Zauberer mag vielleicht ein wenig verschroben sein, aber er hat Dinge in seinen Schubladen, die sonst wirklich keiner hat. Und Kaspar darf sogar ein Ding davon behalten. Und schon macht er sich geschwind ans Werk. Überall, wo er auftaucht, bringt er gute Laune, Erleichterung – nur dem Wolf nicht. Der macht unfreiwillig einen Rundflug. Natürlich hat das Märchen eine Moral.

Apropos Moral. „Die Zauberdrachenschnur“ ist der vierte Teil einer Reihe mit jüdisch-deutschsprachiger Literatur. Ludwig Strauß’ Märchen sind ein Genuss für jedes Kind, ach was, jeden Lesers, jedes Alters. Kinderaugenfunkeln, wenn ihre Altergenossen auf einmal Fähigkeiten besitzen, die nicht einmal Erwachsene haben. Eltern freuen sich an der Moral jeder einzelnen Geschichte. Die Märchen sind bereits 1932 veröffentlicht worden. Nicht einmal drei Jahre später musste Strauß samt Familie seine Heimat Deutschland verlassen. Er erlebte nicht mehr hautnah das Verbot ein Radio zu besitzen, überall einkaufen zu können und den gelben Stern tragen zu MÜSSEN. Er starb 1953 in Jerusalem, im Alter von nicht einmal 61 Jahren.

oh! Triest

Es gibt nicht viele Städte, die von sich behaupten können einen eigenen Golf zu besitzen. Und damit ist nicht das klassenprägende Fahrzeug gemeint. Triest liegt … am Golf von Triest. Und wenn man es ganz genau nimmt, ist es umgekehrt. Die Bucht, der Golf wurde nach der Stadt benannt. Aber das ist Haarspalterei.

Bei der Bewertung der Stadt gibt es hingegen keine zwei Meinungen. Auf Schritt und Tritt ein Oh! Triest. Da ist der Titel (des Buches) Programm. Maria Kampp stapft nicht einfach durch die Stadt, sie schwebt vorsichtig auf historischem Pflaster durch die Häuserschluchten, die von Habsburg und italienischer Gelassenheit zeugen. Eine Brise Seeluft, ein warmer Hauch des Nordens und an jeder Ecke ein Duft von Kräutern und dem, was überall auf der Welt als cucina italiana zu identifizieren ist. Die Nähe zu Slowenien und Kroatien lässt die Floskel von Internationalität ins Natürliche umschwenken. Die Nähe von Venedig macht die Entscheidung zu einem Abstecher in eine Großstadt ohne permanentes Ausweichen im Stadtrundgang als Wohltat erscheinen. Also auf nach Triest! Und was dann? Was soll man sehen? Was muss man sehen? Und wo gibt’s was, was die anderen vielleicht übersehen? Drei Fragen – eine Antwort: „Oh! Triest“ 160 Seiten geballte Insiderinformation im handlichen Format ohne dabei andauernd die Muskeln anspannen zu müssen, weil der Reiseband diese stark beansprucht.

Das Miteinander in der Stadt wurde schwer erarbeitet. Nicht immer waren sich Italiener und Slowenen grün (der Streit, ob die Stadt nun Trieste oder Trst, Italienisch und Slowenisch). Die Schwarzhemden Musolinis trieben diese Fehde auf die Spitze, was zur Flucht von vielen Nichtitalienern führte. Der Umbau der Stadt trieb nicht minder verblüffende Blüten wie die Autorin zu berichten weiß. Heute läuft man durch Straßen und Gassen, vorbei an römischen Hinterlassenschaften, ebenso an krudem Historismus, der dem Bestreben des Diktators und seiner blinden Gefolgschaft entsprang. Sehen wir es positiv: Alles hat seine Zeit und wenn die verblendete Argumentation ausgeschaltet ist, kann man auch wieder genießen (ohne dabei die Wurzeln zu vergessen!).

Von der Kaffeerösterei bis zur Wanderung im Karst, vom literarischen Spaziergang (Rilke und Triest sind so eng verbunden wie Rom und das Colosseum) bis zum weithin sichtbaren jüdischen Erbe der Stadt wird dem Leser / Stadtbesucher ein (Stadt-)Bild offenbart, das bisher vielen verborgen blieb.

Der Hund der Baskervilles

Im Moor treibt ein Ungeheuer sein Unwesen. Ein furchteinflößendes erbarmungsloses Geschöpf, das sich mit unbändigen Willen auf seine Opfer stürzt und ihnen den Garaus macht. Nebel, Moor, ein blutrünstiges Monster – wir sind in Englands Südwesten, genauer gesagt in der Grafschaft Devon. Vor mehr als hundert Jahren.

Hugo Baskerville hat es zum Leben erweckt als er seine junge Angebetete, die so gar nichts von ihm wissen wollte, durchs familieneigene Moor hetzte und sie schlussendlich von einem Hund angefallen wurde. Für den Köter ein Festmahl, für die Familie ein Fluch. Denn das Vieh lebt immer noch, schon seit über zweihundert Jahren. Und abermals füllt eine mysteriöse Geschichte die Gazetten der Weltstadt London. In der wohnt bekanntlich, in der Bakerstreet 221b, auch Sherlock Holmes. Zur Untermiete bei Mrs. Hudson. Geige spielend, Pfeife rauchend und ab und zu mal einen kniffligen Kriminalfall lösend verbringt er sein Leben und lässt ganz nebenbei Scotland Yard ziemlich trottelig aussehen.

Der Familienvorstand Charles Baskerville hat seinen letzten Atemzug getan. Henry, sein legitimer Nachfolger – inzwischen in Kanada lebend – soll bald auf dem Landsitz eintreffen. Der Testamentsvollstrecker Dr. Mortimer (Mortimer von mort, Tod – das ist kein Zufall!) sorgt sich um die körperliche Unversehrtheit seines Klienten. Er bittet um Hilfe. Na, wen wohl?! Sherlock Holmes. Mit Pfeife, Deerstalker und Doctor Watson im Schlepp wartet das wohl berühmteste Abenteuer des bekanntesten Detektivs der Welt.

Sherlock Holmes zu lesen ist wie eine Befreiung von all den bemüßigten Versuchen unzähliger Krimiautoren, die die Bücherregale zum Bersten bringen. Sir Arthur Conan Doyle bekam den Sir für seinen Sherlock Holmes verliehen. Obwohl der den Titel wohl auch gern verliehen bekommen hätte. Auch nach über 120 Jahren hat dieser Krimiklassiker nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Aber Vorsicht – unbedingte Suchtgefahr! Abseits der zahlreichen Verfilmungen – vom begnadeten Basil Rathbone der 40er Jahre bis hin zu den Neuinterpretationen eines nicht minder begabten Benedict Cumberbatch – eröffnet das Buch eine neue Welt. Ganz ohne Effekte – der Nebel wabert auch ohne sichtbare Schwaden vor den Augen durchs Bild – erwachen aus Worten beeindruckende Bilder. Die Gedankengänge des genialen Detektivs ergeben nicht immer sofort Sinn. Doch wenn er seine Schlussfolgerungen erläutert, ist man ob der Verquickungen erstaunt wie ein menschliches Gehirn solche Leistungen erbringen kann.

Dracula

Wenn sich heute jemand mit dem Namen Dracula vorstellt, gefriert einem das Blut in den Adern. Oder man schmunzelt und hält es für einen Scherz. Doch der Name ist echt. In zahlreichen Filmen hat sich unser Bild des Herren der Finsternis zu einer Karikatur verklärt, die besonders zu Halloween in einen Kaufrausch um Plastikfiguren, Süßigkeiten zweifelhafter Herkunft (da haben wir doch die Verbindung zum Grafen mit den spitzen Zähnen!) und allerlei Unrat, der einem angeblich Schauer über den Rücken laufen lässt.

Doch Vlad Dracula lebte tatsächlich. Das ist keine neue Erkenntnis. Er lebte im 15. Jahrhundert, war edlen Blutes und jeder, der ihm begegnete – und vor allem diejenigen, die seinem Werk gegenüberstanden – konnte nun blumig über die Schändlichkeit des Grafen berichten. Ach, was für ein Spaß!

Bram Stoker, ein irischer Schriftsteller, erfuhr auch von den gar scheußlichen Taten des Grafen Vlad III. Drǎculea. Als echter Schriftsteller sah es als angebracht ihm literarisch auf die Pelle zu rücken. Der Rest ist Geschichte. Eine blutverschmierte Zunge, die genüsslich an einem nicht minder blutigen Rasiermesser leckt – Rasiermesser wurden bereits 1.500 Jahr v.Chr. erfunden. Es könnte also sein, dass Vlad Dracula tatsächlich …

Sonnenbrillen – die Regisseure der Gegenwart verpassten ihm wirklich eine – gab es zu Lebzeiten des Grafen noch nicht. Und schon gar nicht so stylische! Doch hat Dracula der Reale wirklich Menschen in den Hals gebissen und sich an ihrem Blut gelabt? Wohl kaum. Selbst in den Karpaten, haben wohl nur ganz wenige so starke Mägen, um den Folgen ungeschoren davonkommen zu können!

Das literarische Werk um Dracula war bei Erscheinen ein Schock. Skandale sind immer gut fürs Geschäft – doch Bram Stoker hat den Erfolg nicht mehr genießen können. Er starb nach einem Schlaganfall vor der Veröffentlichung. Mittlerweile gibt es zahlreiche Ableger mit Geschichten um die unheimlichen Taten von Dracula. Hier nun das Original. Wieder einmal, das mit unbändiger Intensität den Leser fesselt und ihm Schauer über die Augen, in die Finger und über den Rücken laufen lässt. All der übermäßig vermarktete Schauerkonsum wird mit jeder Seite des Buches der Lächerlichkeit preisgegeben. Für Kinder mag das ja noch okay sein. Aber wenn Erwachsene ihre „Paläste“ mit in einem quietschbunten orange-schwarzen Überzeug verschandeln, wird selbst der Graf in seinem Grab in Sagnov, Rumänien oder doch Neapel? unruhig und man möchte meinen – sich vielleicht sogar wünschen – dem Spuk ein Ende zu setzen. Man stelle sich vor, dass der Graf noch einmal zu seinen Anbetern sprechen könnte. Was würde er ihnen sagen? Lest Bram Stokers Biographie über mich! Okay, wenn der Meister es so will – es ist in keiner Sekunde vertane Zeit! Denn auch ohne historische Zeugnisse der im Buch beschriebenen Greuel ist „Dracula“ von Bram Stoker seit einem Jahrhundert ein Klassiker! Zurecht!

Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk

Wie sieht der ideale Arbeitnehmer aus? Er ist loyal. Er erledigt seine Arbeit ohne zu Murren. Er hält sich an die Vorgaben, heutzutage sagt man dazu: „Er hält sich an die Prozesse“. Er muckt nicht auf, gibt niemals Widerworte. Ach, es ist wie im Paradies, wenn man so jemanden wie den Schwejk in seinen Reihen wähnt. Da kann man auch mal über so manche Geschichte hinwegsehen. Schließlich hat der Schwejk so was wie einen Darfschein. Er ist schwachsinnig. Schwejk hat verbrieft einen an der Klatsche.

Und so jemand ist beim Militär? Ja, und wie! Freiwillig. Hat sich selbst gemeldet. Und nun steht der brave Soldat Schwejk, mehr wird er auch niemals werden – Schwejk als Offizier wäre wie wildes Schwenken der weißen Flagge.

Schwejk war mal Hundefänger. In Prag, der Goldenen Stadt an der Moldau. Die ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Es herrscht krieg. In ganz Europa. Später wird man diesen (großen) Krieg einmal den Ersten Weltkrieg nennen. Das österreichisch-ungarische Heer hat nun also ganz offiziell einen Schwachsinnigen in seinen Reihen. Schwejk. Ja, er ist der perfekte Dienstleister, tut wie ihm gehießen. Seine Fähigkeiten unterliegen aber einer höheren Macht. Geschick zählt nicht unbedingt zu seinen hervorstechenden Fähigkeiten. In keiner Hinsicht. Ein Tolptasch, ein Tölpel, ein Ungeschickter. Aber im gleichen Atemzug auch ein unfassbar unwiderstehlich sympathischer Kerl, dem man einfach nicht böse sein kann.

Weiß er das? Schwer zu beantworten. Denn Schwejk ist derart in sich ruhend, dass ihm das Unwohl der Welt wie ein Spielfeld für seine Gedanken dient. Er ist – wenn man es so sehen will – ein Macher. Er macht aus jeder Situation das Beste. Das Beste für sich, und – nicht immer – auch für seine Kameraden. Und ein bisschen weniger für seine Vorgesetzten. Die haben ihre liebe Not mit dem Querulanten, in ihren Augen ist er genau das. Doch dann windet er sich überzeugend aus jeder noch so misslichen Lage.

Ist Schwejk ein Held? Vielleicht ja, vielleicht nein. Das ist hier auch nicht die Frage. Jaroslav Hašek hat mit dem Soldaten Schwejk eine feste Größe in der Weltliteratur geschaffen. Hašek selbst diente in diesem irrwitzigen Krieg, bis es ihm reichte, und er dissertierte. Ob Schwejk ihn zum Bleiben hätte überzeugen können? Wohl kaum. Hašek war zu gefestigt, um sich von den blumigen Anekdoten umstimmen zu lassen. Genauso wie der Leser, der sich einfach überzeugt werden kann das Buch erst beiseite zu lesen, wenn die letzte Anekdote aus dem Mund des des Lebens niemals überdrüssigen Schwejk zu Ende erzählt ist. Es ist höchste Zeit, dass die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk noch einmal in einem Band an den Leser gebracht werden. Generationen von Lesern wäre diese Wiederentdeckung sonst entgangen. Und das wäre wirklich schade!

100 klassische Musikstücke, die Du einmal im Leben gehört haben musst

Wer bei dem Begriff klassische Musik schon beim kl… mit „hör mir damit auf“ reagiert, der wird in diesem Buch ebenso sein blaues Wunder erleben wie diejenigen, die meinen schon alles zu kennen. Denn dieses Auswahl an einhundert Musikstücken ist keineswegs durchgehender Mainstream. Es ist wohl mehr eine Liste von eingehenden Melodien und herausragenden Werken, die man – und da liegt der Autor bei der Titelgebung goldrichtig – nun wirklich zumindest einmal im Leben gehört haben muss. Und wenn man dann noch erkennt um welches Werk es sich handelt, hat sich jede Leseminute vollends gelohnt.

Oft erkennt man ja gar nicht, dass einem klassische Musik in den Gehörgang gespült wird. In der Werbung benutzt man sie, um Emotionen hervorzurufen, eine Verbindung zum beworbenen Produkt zu kreieren. So ähnlich haben wohl auch die Komponisten gedacht. Sie wollten nicht einfach nur ein paar Tuschenstriche zu Papier bringen. Sie wollten ihre Werke präsentieren und Jubelstürme verursachen – Emotionen! Das ist das Zauberwort. Und allen Unkenrufen zum Trotz sind die modernen Musiktempel mit ausgefeilter Akustik echte Publikumsrenner. Auch wenn – auch hier sind die Spötter und „wahren Kenner“ die größten Kritiker – immer nur dasselbe gespielt wird, was natürlich nicht stimmt.

Mozart, Bach, Beethoven sind natürlich Publikumsmagnete. Wer im Leipziger Gewandhaus an Silvester die Neunte hören will, muss entweder im Besitz eines Anrechts sein oder lange, lange, lange vorplanen. Das Erlebnis wird dann aber auch mindestens lange, lange, lange anhalten. Meist noch länger!

Nicola Campogrande ist selbst Komponist. Leidenschaft und Beruf sind bei ihm zu einer Einheit verschmolzen, und das merkt man in jedem Satz. Natürlich ist sein Aufzählung lückenhaft – er selbst führt Telemann ins Feld, der über 2000 Stücke geschrieben hat … die allesamt hörenswert sind. Die Liste dessen, was fehlt, ist um einiges länger als die im Buch aufgeführten Stücke von Monteverdi bis Prokofjew, von Verdi bis Berlioz, von Stravinsky bis Rimski-Korsakow. Schon beim Lesen möchte man das Nasenfahrrad vom Gesicht nehmen und sich in einem bequemen Sessel zurücklehnen und in Gedanken versunken den Melodien lauschend sanft den Kopf hin und her bewegen. Und vielleicht sogar leise die Melodien mitsummen. Zuhause darf man das ja!

Dieses Buch ist ein Appetitanreger mit dem Hang zum Übergewicht. Denn mit dem Zuklappen nach dem Lesen beginnt erst das richtige Abenteuer klassische Musik (was ist das eigentlich? Auch darauf hat Nicola Campogrande die passende Antwort.). Jetzt sucht man, in Geschäften, im Netz nach diesen Stücken, die sorgfältig und korrekt bezeichnet in diesem zeitlosen Buch beschrieben sind.